Hans-Heinrich NolteDie Debatte um das Weltsystem(Diskussionspapier, Mai 2002)1. Das KonzeptDer amerikanische Soziologe Immanuel Wallerstein erregte 1974 internationale Aufmerksamkeit, als er (gegen die vorherrschende Meinung, die industrielle Revolution bilde den Wendepunkt von einer traditionalen zur modernen Gesellschaft) die These aufstellte, der moderne Kapitalismus sei in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts entstanden. In Reaktion auf den Rückgang ihrer Einkommen in der "Krise des Feudalismus" hätten die politisch und wirtschaftlich Mächtigen das System der internationalen Arbeitsteilung erfunden und durchgesetzt, das bis in die Gegenwart dauere - auch wenn heute eine Krise dieses Systems absehbar sei. Politisch entscheidend war nach Wallerstein, daß Europa - entgegen den Versuchen z.B. der Habsburger - nicht zu einem Weltreich vereinheitlicht wurde, sondern ein System entstand, in dem keine Macht einzelne Unternehmer zentral besteuern konnte. In der Wirtschaft gingen viele Adlige dazu über, ihre Ländereien mit dem Ziel von Geldgewinnen zu bewirtschaften und nicht mehr mit dem Ziel, Subsistenz zu erreichen. Dies führte zu der Herausbildung von Großregionen nach den verschiedenen Formen der Arbeitsverfassung: Nordwesteuropa bildete mit seinen intensiven Agrarproduktionsgebieten, den Gewerbelandschaften und dem Fernhandelszentren den "Kern", in dem freie Arbeit vorherrschte. Spanien, Italien und große Teile Deutschlands bildeten die Halbperipherie, in der starke Staatsorganisationen entstanden, um mit den Zentrumsländern konkurrieren zu können und wo Halbpachtformen die Landwirtschaft prägten. Osteuropa - ohne Rußland - und Lateinamerika bezeichnet Wallerstein als Peripherie - in der Agrarstruktur gekennzeichnet durch unfreie Arbeit, spezialisiert auf den Export bestimmter Rohstoffe wie Zucker, Getreide oder Holz. Viele Gebiete der Welt bildeten - noch - vom europäischen System unabhängige, aber in sich relativ geschlossene "Weltreiche", zu ihnen gehörte auch Rußland. Die größten Flächen der Welt waren weder vom europäischen System geprägt, noch in großen Imperien organisiert, sondern wurden von "Minisystemen" verschiedener Stämme oder isolierter Ackerstädte organisiert und genutzt. Diese "Außenwelt" der Imperien und der Minisysteme befand sich im 16. Jahrhundert noch außerhalb des Grenzen des Systems. Innerhalb des Systems fielen die wichtigsten Entscheidungen in einer Gruppe, welche sich einen sehr hohen Anteil des Wertes aneignete, der durch die im Fernhandel vertriebenen Waren erzielt werden konnte. Diese "Bourgeoisie" umfaßt den König von Frankreich, die Herzöge von Sutherland und auch die kleinen polnischen Adligen, welche ihr Getreide die Weichsel hinunter nach Danzig brachten. Die höchsten Gewinne wurden jedoch in der Regel in den neuen Zentren, in London oder Amsterdam erzielt - da wo das polnische Getreide erst gespeichert und dann zum günstigsten Zeitpunkt auf den (z.B. italienischen) Markt gebracht wurde. Das Systemkonzept kritisierte die Vorstellung, daß der Wohlstand des Zentrums sich fast automatisch ausbreiten, sozusagen von selbst "diffundieren" werde. In der Diffusionstheorie waren sich übrigens Marxismus und Liberalismus einig, wobei beide Konzepte die Ungleichzeitigkeit der Entwicklung zur Kenntnis nahmen. Sie ist in das Bild gefaßt worden, daß die Nationen beim Übergang zur Industrialisierung (oder anderen Umbrüchen, etwa der bürgerlichen Revolution) wie Flugzeugstaffeln hintereinander herfliegen und im Kern dasselbe, nur zu unterschiedlichen Zeiten tun (die bürgerliche Revolution also 1789, 183o, 1848 etc. durchführen - oder verpassen, die Industrialisierung, usf.) Gegen die Diffusionstheorie wandten sich in den siebziger Jahren neben Wallerstein auch andere Systemtheoretiker wie etwa Samir Amin, sowie Gunder Frank und in Deutschland Eckhart Krippendorf sowie Ingolf Ahlers. Sie setzten gegen die Vorstellung von Staffeln (oder Stadien) der Entwicklung das Bild einer Mannschaft konkurrierender Nationen, in welcher einige an der Spitze fahren aber die anderen sich veranlaßt sehen, weiter hinten mitzutrampeln - nicht selten als "Wasserträger" für die Spitzenfahrer. Entscheidend war die Einführung des Systembegriffs in die Weltgeschichtsschreibung . Systeme - so Wallerstein 1995 S. 227 - "funktionieren in erster Linie aufgrund der Konsequenzen ihrer inneren Prozesse. Sie haben zeitliche Grenzen, das heißt, sie haben einen Anfang und ein Ende. Und sie haben räumliche Grenzen, die sich jedoch im Laufe ihrer Lebensgeschichte ändern können". Die Weltgesellschaft ist nach diesem Bild durch eine Hierarchie gekennzeichnet, welche in die Großregionen Zentrum, Halbperipherie, Peripherie und Außenwelt gegliedert ist. Die Weltgesellschaft ist jedoch zugleich in ständiger Bewegung - und es ändert sich auch, welche Gruppe der Bourgeoisie (in welcher Nation) zur Spitze oder zu den Wasserträgern gehört. Der eine Konkurrent steigt auf, der andere fällt zurück. Aber jeder muß strampeln, oder, wie die Amerikaner das knapp zusammenfassen: "you got to run to stay in place". 2. WurzelnDrei Einflüsse, die für Wallerstein's Konzept wichtig waren, fallen ins Auge - Fernand Braudel, die Dependencia - Theorie sowie die polnische Frühneuzeitforschung. Braudel hat ja die großen Kapitalisten dem Alltag von Marktbeziehungen entgegengestellt hat und herausgearbeitet, daß die Gewinne der Kapitalisten meist nicht im Rahmen von Marktkonkurrenz entstehen. Braudel und die Annales waren wichtig, weil sie sich gegen eine sektorbildende Wissenschaft wandten und nach integrierenden Forschungsansätzen suchten. Braudel war aber auch wichtig, weil er über unterschiedliche Zeit-Räume nachdachte, über den "Staub" alltäglicher Ereignisse aber auch die "lange Dauer" größerer historischer Strukturen (wie die Welt des Mittelmeeres). Braudel beschrieb auch die unterschiedlichen Großregionen Europas einschließlich "Europas jenseits des Meeres" in ihren unterschiedlichen Strukturen (Braudel 1987; vgl. jetzt Ahrweiler, Aymard 2000). Die Dependencia-Theorie bildete eine Voraussetzung zur Lösung von der oder Modernisierungs-Theorie. Diese hatte in den fünfziger Jahren die wissenschaftliche Öffentlichkeit bestimmt; sie sagte, daß Kapitalismus, Industrialisierung und Wohlstand ( nach der Beendigung politischer Eingriffe in die Weltwirtschaft durch die alten Kolonialmächte ) sich im Rahmen des Weltmarkts nach dem Gesetz der komparativen Kostenvorteile ausbreiten würden, wenn engagierte Politiker die modernen Sektoren der jeweiligen Gesellschaft stärkten ( insofern bildete die Modernisierungstheorie eine spezifische Fassung der Diffusionstheorie ). Als in den sechziger Jahren den ehemaligen Kolonien der wirtschaftliche Aufstieg trotz engagierter Reformer und Modernisierer in der Regel mißlang, die ehemaligen Kolonien vielmehr "Entwicklungsländer" oder (nach der "zweiten", der realsozialistischen) "dritte" Welt wurden, erklärten kritische Sozialwissenschaftler das mit den Traditionen von Abhängigkeit, also "dependencia". Ihr wichtigstes Beispiel war Lateinamerika - wo die eigentliche Kolonialzeit ja schon über ein Jahrhundert zurücklag. Es ging also in der Dependencia-Theorie nicht nur um Kolonialismus als Staatsform, sondern um Abhängigkeit von Kapitalstrukturen. Konkret kritisierten die Lateinamerikaner die Abhängigkeit von den USA; sie waren amerikakritische Linke. Gegen dies lineare Verständnis von Abhängigkeit setzten Wallerstein, Gunder Frank und andere den Begriff des Systems. Ein System ist dadurch definiert, daß die in ihm stattfindenden Abläufe durch Regeln strukturiert sind und eine Außengrenze vorhanden ist, an welcher diese Regeln ihre Gültigkeit verlieren. Wer im Rahmen des Systems handelt, muß diese Regeln bedenken. Er kann versuchen, sie zu ändern oder gegen sie zu handeln. Er kann versuchen, im Rahmen des Systems aufzusteigen. In jedem Fall beeinflussen die Handlungen der Menschen aus den verschiedenen Regionen und Nationen stets das Gesamtgefüge des Systems. Dies Konzept ist kritisch und nicht affirmativ, aber es ist weniger gegen die USA gerichtet als gegen eine allgemeine Hierarchie, in der die Handelnden sich gewiß manchmal als Gruppe konkretisieren oder sogar personalisieren lassen, aber nur von Fall zu Fall auch in einem Staat. Um einen Braudelschen Begriff aufzunehmen - das Systemkonzept hatte eine andere Konjunktur als die Dependencia. Die "Macht" der Nationen des Zentrums ist zwar, gemessen an ihrer Menschenzahl, größer, als die Macht der Nationen der Peripherie. Aber auch letztere haben Einwirkungsmöglichkeiten, sei es auf die Ökonomie, sei es auf die militärstrategische Lage, sei es auf die intellektuellen Debatten. Letzteres zeigte gerade die Dependencia-Theorie, die in halbperipheren Ländern entworfen worden war und in den siebziger Jahren auch auf die Universitäten in den USA und Europa großen Einfluß ausübte. In den achtziger Jahren konnte sie sich aber gegenüber dem wissenschaftlichen Diskurs in den Zentrumsländern (hier vor allem in den USA) nicht mehr halten. (Man kann das am Positionswechsel von Dieter Senghaas nachvollziehen. Das Weltsystemkonzept erlebte dagegen in den neunziger Jahren eine neue Konjunktur, da es die Globalisierung historisch zu erklären schien. Die polnische Frühneuzeitforschung hatte für das Konzept entscheidende Bedeutung, weil sie - insbesondere Marian Malowist - den fast kolonialen Status der polnischen Ökonomie im 16. und 17. Jahrhundert herausgearbeitet hat, und Malowist übrigens selbst den Vergleich mit Afrika gemacht hat (vgl. Adamczyk 2001). Neben diesen Einflüssen liegen aber auch andere Kontexte nahe, in die das Konzept historisch einzuordnen ist. Die Grundthese des Weltsystemkonzepts, daß die gegenwärtig überall erfahrbare Beeinflussung der Nationen durch ihre Stellung in der internationalen Arbeitsteilung Geschichte hat, sagt ja auch, daß sie zurückreicht - über die nächstliegenden Veränderungen, zum Beispiel die Industrielle Revolution, hinaus. Es ist eine These über Kontinuität - ob man diese nun, wie Immanuel Wallerstein das tut, bis zum "langen 16. Jahrhundert" zurückführt, oder wie der Autor zum Mittelalter. Es ist zugleich eine These über Zusammenhang - die politischen Einheiten der europäischen Geschichte können nicht aus sich selbst verstanden werden, sie müssen in die Kontexte gestellt werden. Das Weltsystemkonzept knüpft so an alte historiographische Richtungen wie "Geschichte der Mächte" an, wie sie von Ranke oder Dehio vertreten worden ist und z.B. 1996 in dem von Peter Krüger herausgegebenen Sammelband zum Wandel des europäischen Staatensystems fortgeführt wurde. Das Weltsystemkonzept betont aber gegen die nationale Geschichtsschreibung des späten 19. und des 2o. Jahrhunderts die Abhängigkeit von der Stellung des Landes in langen Warenketten. Ein anderer Vorläufer, auf den Hans-Jürgen Nitz 1993 aufmerksam gemacht hat, war Johann Heinrich von Thünen, der schon 1826 unterschiedliche funktional definierte Zonen von Landwirtschaft um einen Markt herum beschrieben hat: nahe am Absatzmarkt lohnt sich Gartenkultur, in einem nächsten Gürtel intensiver Ackerbau, danach extensiver, und schließlich Viehzucht. Überhaupt stellt das Weltsystemkonzept nicht nur die alte Trennung zwischen Geschichte und Soziologie sowie Anthropologie infrage, sondern auch und gerade die von Geographie und Geschichte. Das Weltsystemkonzept hat in Deutschland nicht dieselbe Wirkung erlangt, wie für die angelsächsische und französische intellektuelle Welt (Bibliographien Menzel 1993, Tausch 1991, Wallerstein 1995 S. 324 - 332, 348 - 353). Hartmut Elsenhans hat das damit erklärt, daß Wallerstein "angesichts dieser Theorielage" (in Deutschland) "offene Türen einlief, im Anspruch wie in der Methode" (Elsenhans 2002, S. 35). Für einen Historiker wie den Autor, für den "Theorielagen" nicht im Vordergrund des Interesses stehen (auch wenn er sich bemüht, viel von Soziologen und Politikwissenschaftlern zu rezipieren), bildete es gerade eine der Stärken des Konzeptes, daß es große narrative Teile hat und einen Versuch macht, die Schriften wichtiger Historiker wie Braudel und Malowist zu integrieren, also von Theorie zu konkreter (oder doch konkreterer) Geschichte zu gelangen. Daß dies in den deutschen Geistes- und Sozialwissenschaften irgendwo sonst 1974 schon geleistet war, ist dem Autor nach wie vor unbekannt; man muß für deutsche Ansätze zur Globalgeschichte schon bis zu Meinecke und Burkhardt, wenn nicht zu Lamprecht zurückgehen (Rothermund 1994, S. 65 - 136). Das Weltsystemkonzept ist also nicht eine feste Theorie, sondern ein Erklärungsentwurf. Er bedarf der wissenschaftlichen Verifizierung oder Falsifizierung , er bedarf der Forschung. Wie kann diese geleistet werden? 3. Marxistische Kritik: Was ist Kapitalismus?Fraglos gehört auch der Marxismus zu den Wurzeln des Konzeptes. Trotzdem war die streng marxistische Kritik in den siebziger Jahren vielleicht die schärfste. Robert Brenner z.B. formulierte 1985, daß die Weltsystemtheoretiker die Bedingungen der Prozesse, über die sie schreiben, nicht begreifen. Weltökonomie und Kapitalismus seien nicht dasselbe. Für Kapitalismus seien zweierlei notwendig - die Trennung des Arbeiters und die Trennung des Unternehmers von den Produktionsmitteln (ersteres z.T. durch das Ende des Handwerkes, letzteres z.B. in einer Aktiengesellschaft). Denn nur dann ist - im ersten Fall - der Arbeiter gezwungen, seine Arbeitskraft auf dem Markt zu verkaufen, und nur dann kann Arbeit als Teil des variablen Kapitals unter der Formel von Karl Marx subsumiert werden. Und nur dann ist - im zweiten Fall - der Produzent gezwungen, sich an den Durchschnittsprofiten des Marktes zu orientieren, muß er technische Erneuerungen durchsetzen (oder vom Markt verschwinden). Kann der Arbeiter noch mit außerökonomischem Zwang veranlaßt werden, ein Mehrprodukt an den Herren abzugeben - wie in der Sklaverei - dann kann man nicht von Kapitalismus sprechen. Also bleibt die ökonomische Interdependenz der Regionen noch begrenzt, und was Wallerstein als Kapitalismus beschreibt, ist nur durch Kaufmannskapital geprägt - nicht durch Industriekapital. Wallerstein hat gegen die Kritik, daß die Trennung des Produzenten von den Produktionsmitteln der letztlich entscheidende Vorgang sei, eingewandt, daß ein großer Teil der Arbeiterschaft gerade deshalb für die Unternehmer profitabel profitiert, weil er nur aus "Halbproletariern" besteht, weil er seinen Lebensunterhalt z.T. außerhalb des Marktes verdienen und also mit geringeren Löhnen auskommen kann (Wallerstein 1984). Zusammengefaßt wurde die marxistische Kritik z. B. von Becker 1999 (S.35): Wallerstein versteht Kapitalismus "weniger als Produktions- denn als Zirkulationsweise". Die Übertragung von Reichtum in das Zentrum kann nicht als Grund für die Entwicklung des eigentlichen, des industriellen Kapitalismus angesehen werden. Ein grundsätzliches Problem des Konzeptes - wie aller großen Ordnungsvorschläge - liegt in dem schwierigen Verhältnis von Mikro- und Makro-Ebene. Wie kann eine inhaltlich überzeugende Verbindung zwischen dem allgemeinen Konzept und den in den Quellen auftauchenden Personen, Institutionen und Gruppen hergestellt werden? In den 8oer und 9oer Jahren hat die kritische Geschichtsschreibung auf die Schwierigkeiten der Einordnungskonzepte auf der Makroebene - wie "Modernisierung" "industrielle Gesellschaft" oder "Kapitalismus" ( auch "peripherer Kapitalismus" ) oder "Klassen" - durch einen Rückzug auf die Mikroebene reagiert. Man wandte sich der Alltagsgeschichte zu, unterstützte das "grabe, wo Du stehst" der Geschichtswerkstätten, oder, wie Gert Zang das sehr eingängig formuliert hat, betrieb "Die unaufhaltsame Annäherung an das Einzelne". Damit gewann auch jene Historiographie, die sich nicht vorzüglich mit politischer Geschichte befaßt, Quellennähe, d. h. größere methodische Stärke. Aber sie zog sich zugleich aus den Debatten um den Weltzusammenhang zurück, geriet in Gefahr, provinziell zu werden. Damit verpaßte ein Teil der linken Debatte jedoch einen welthistorischen Moment. Nach dem Zusammenbruch der "Zweiten Welt", des bis dahin wichtigsten Versuchs, einen autarken, von den Regeln des Weltmarkts abgeschotteten Raum mit den Mitteln "außerökonomischer Gewalt" aufrecht zu halten, gewann weltweit "global history" neue Bedeutung. Zeigte der Sieg des Marktes nicht doch, daß die Diffusionstheorie richtig war und es vor allem darum ging, daß und wie - ungleichzeitig, gewiß - dieselben Marktmechanismen in verschiedenen Ländern durchgesetzt wurden? In diesem Zusammenhang wurde eigentlich die alte These von Karl Marx wieder akut, daß der Kapitalismus sich weltweit durchsetzen muß. Man kann sogar fragen, ob er nicht in der Globalisierung endlich auf seine Begriff kommt, und damit aber auch die Marxsche Krisentheorie wieder an Relevanz gewinnt. Für Marx entsteht die Krise des Kapitalismus bekanntlich daraus, daß die Profitrate des Kapitals sinkt, weil die organische Zusammensetzung des Kapitals sich verändert, also der in Maschinen etc. investierte Teil des Kapitals gegenüber dem für Löhne ausgegebenen Teil erhöht. Da Mehrwert nur aus den Löhnen erzielt werden kann, müssen demnach in einer hochindustrialisierten Gesellschaft die Profite sinken. Neuere Forschungen Immanuel Wallersteins gehen deswegen dieser Frage nach. 4. Liberale1 Kritik: Die Betonung endogener SpielräumeNicht zuletzt wegen ihrer teilweisen Herkunft aus der Dependencia-Theorie und der Verwandtschaft zum kritischen Marxismus der 68er Generation war die Fassung, welche Immanuel Wallerstein dem Konzept mit seinem einleitenden Buch von 1974 gab, ziemlich an Wirtschaftsdaten und insbesondere an Außenhandelsdaten orientiert. Patrick O'Brien hat 1982 darauf verwiesen, daß der Anteil des Handels des Zentrums mit der Peripherie nicht so groß war, daß er die Entwicklung des Zentrums erklären kann. Hartmut Elsenhans hat schon 1984 auf die Bedeutung der Einkommens- und Macht-Differenzierung im Zentrum für die Entstehung des Kapitalismus hingewiesen, die besonders das Zentrum verändert und neue Nachfrage geschaffen hat. "Das Wirtschaftswachstum der heutigen westlichen Industrieländer ist also nicht auf die Ausbeutung der Dritten Welt zurückzuführen" (Elsenhans 1984 S.19). Er hat 2001 nochmals seine Kritik zusammengefaßt: entscheidendes Kriterium für die Entwicklung des wirtschaftlichen Zentrums sind nicht die Investitionen, sondern die Nachfrage. "Für den Übergang zu Kapitalismus ist Verhandlungsmacht von Arbeit entscheidend." (Elsenhans 2001, S. 41). Gegen die Definition des Systems nach Außenhandelsdaten hat der Autor 198o die Bedeutung von sozial-, religions- und politikgeschichtlichen Daten hervorgehoben, etwa die Durchsetzung von Ständen und Absolutismus im halbperipheren Osteuropa zu erklären gesucht. In dem wirtschaftsgeschichtlichen Teil des Argumentes wurde - im Rekurs auf die innerpolnische Kritik an Malowist, insbesondere Witold Kula und Jerzy Topolski - gezeigt, daß der Anteil der polnischen Produktion für den Export verhältnismäßig gering war, so daß der Exportinteressen kaum ausreichen, um die Entwicklung der Leibeigenschaft in Polen zu erklären. Der Autor hat die Regeln des Systems 1993 als
Kompetenzakkumulation Hierarchie und Expansion zu bestimmen gesucht. Selbstverständlich ist es eine Frage der Forschung, welche Regeln in jedem einzelnen Fall als erklärungskräftig angesehen werden können. Vielleicht geben wirklich die alten Bestimmungen Adam Smiths über die "unsichtbare Hand des Markts" noch immer die beste Auskunft über die Gesellschaftsform, die nach dem Ende der UdSSR von Rußland bis Argentinien vorherrscht. Daß aber weltweit relativ einheitliche Regeln gelten, die über Erfolg oder Mißerfolg von Handlungen einzelner Personen bzw. sozial, ethnisch, oder politisch definierter Gruppen in einem einzeln zu bestimmenden, aber jedenfalls auch nicht zu vernachlässigenden Ausmaß mit bestimmen, das erscheint nicht nur für die Weltsystemtheorie als eine gesicherte Aussage. Im Kontext eines auch soziale, religiöse und politische Kriterien umfassenden Begriffs von Moderne und Weltsystem hat der Autor daran festgehalten, daß die Expansion Europas in der Frühen Neuzeit und die Unterwerfung der Peripherie sehr wohl konstitutiv für das europäische Zentrum war; allein schon der Vorteile wegen, welche die Auswanderung von Bevölkerung mit sich brachte, die daheim auf Grenzböden und nur wenig produktiv hätten arbeiten können, aber auch des Selbstvertrauens wegen, das die westlichen Intellektuellen aus den Siegen über Imperien vom Inkareich über die Tatarenchanate bis schließlich zum Osmanischen Imperium gewannen (Nolte 1999). Im Kontext der Globalisierungsdebatte wurde also gerade der über das Einzelne, die Provinz, über die Nation hinausgreifende Rahmen erklärungsbedürftig. Dabei ging es den Liberalen nicht um die Bestimmung des Kapitalismus, sondern um die "Moderne" als übergeordneter Begriff. Auch hier wurde die Vorstellung aufgegeben, daß es nur "eine", eben die Moderne gebe - die immer offenbareren Differenzen zwischen verschiedenen Teilen der Welt und die ebenso offenbare Tatsache, daß weite Teile der Welt nicht zu "der" Moderne aufschließen, sondern eigene Entwicklungen gehen , wurde mit den unterschiedlichen Ausgangskulturen erklärt. wurden vielmehr Schmuel Eisenstadt und Bruce Mazlish haben dafür den treffenden Begriff "vielfältige Modernen" entwickelt (Eisenstadt 2001, Mazlish 2002). 1 Der Begriff liberal wird hier im angelsächsischen Sinn gebraucht, umfaßt also auch sozialdemokratische Positionen. 5. Die epistemologische Wende WallersteinsVon den achtziger Jahren an wandte Wallerstein (Wallerstein 1995) sich der Kritik der Begriffe und wissenschaftlichen Grundannahmen zu. Er beschrieb die zunehmende Polarisierung der Weltgesellschaft und den Kampf der Oberschichten gegeneinander. Von einer Angleichung zwischen oben und unten, einer Diffusion des Wohlstands war keine Spur. Gerät das System in eine Krise, in welcher die Regeln ihre bindende Kraft verlieren? Systeme sind ja historisch, haben Anfang und Ende. Die Frage wurde akut, welche Handlungsfreiheiten die Menschen in solch einer Krise haben würden, wenn die alten Regeln außer Kraft gesetzt wurden. Die Krise wird auch daran deutlich, daß die Konzepte und wissenschaftlichen Institutionen, ja sogar ganze Disziplinen, die nach der Französischen Revolution begründet worden sind, an Gültigkeit verlieren. Die alten Aufteilungen der Wissenschaften und die alten Verfahren reichen nicht mehr aus. Die Trennung zwischen ideographischen und nomothetischen Wissenschaften z.B. kann die steigende Bedeutung jener Phänomene nicht mehr fassen, welche in Übergangszonen angesiedelt sind. Sogar in den Naturwissenschaften verschwinden die Sicherheiten des Wissens. Den Weg der Weltsystemforschungen hat Wallerstein 2001 dahin zusammengefaßt, daß es gelungen sei zu vermeiden, daß diese Analysen eine "Theorie" wurden, also ein festes Lehrgebäude. Er betonte den Forschungscharakter und auch in gewissem Sinn den narrativen Stil (der für Historiker gerade einen Anziehungspunkt bildet), der von Soziologen kritisiert wurde, weil er eben nicht theoretisch genug sei. Und er erklärte, warum ein Treffen mit Ilya Prigogine 1981 für ihn so große Bedeutung besaß: gegen die klassische These der Newtonschen Physik, daß für die Naturwissenschaften Gleichgewichtsprozesse (die man in Gesetzen formulieren kann) kennzeichnend seien, setzte der Chemiker Prigogine die These, daß Gleichgewichtsprozesse in der Natur sogar eher die Ausnahme bilden. Indem der nomothetische Charakter der Naturwissenschaften infrage gestellt wurde, wurde intellektuell die Freiheit der Wissenschaften erhöht, offene Prozesse als solche zu untersuchen. Man kann ..."vorhersagen, daß das bestehende System nicht weiter existieren kann, aber nicht, welche Abzweigung es wählen wird." (Wallerstein 2001 S. 27). 6. Ein Welt-System oder viele?Gegen das Weltsystemkonzept gab es unabhängig von sachlichen Streitpunkten immer einen stichhaltigen historiographischen Einwand: es ist eurozentrisch. Gleich, ob man den Beitrag der Peripherie zur Entstehung des Kapitalismus für konstitutiv hält oder für additiv, es geht um die Geschichte des Zentrums. Die einen sind die Täter, die anderen die Opfer - seien es nun "historisch notwendige" oder eher zufällige. Die eigene Geschichte der außereuropäischen Welt bleibt außen vor, auch wenn man (wie Nolte 1993 S.76-79) die Geschichte asiatischer Imperien als Gegengewicht zur Geschichte Europas skizziert und herausstellt, daß ihre Entwicklung bis 1800 "vielseitig und erfolgversprechend" war. Ein Impetus der neuen amerikanischen World-History lag jedoch gerade bei dem Willen, die fremden Kulturen als gleichberechtigt voll zur Kenntnis zu nehmen und das historische Wissen über diese Kulturen auch in Schulen und Colleges zu verbreiten. Insbesondere asiatische Kulturen wurden zum Gegenstand sowohl von Forschung wie Lehre. Das gemeinsame Werke von Jerry Bentley - dem Herausgeber des World-History-Journal - und Herbert Ziegler (Bentley 2000) macht diese Gleichordnung auch im Titel deutlich: "Traditions and Encounters . A Global Perspective on the Past". Es ist selbstverständlich kein Zufall, daß beide Historiker an der Universität von Hawai'i lehren - im Zentrum des "pacific rim", jener Grenzstaaten am Pazifik, die von vielen Amerikanern als die eigentlich dynamische Zone der Welt angesehen werden (im Unterschied zum Atlantik). In diesem neuen Lehrbuch stehen nicht nur Abschnitte über die großen Kulturen nebeneinander, sondern regelmäßig werden auch die interkulturellen Austauschbewegungen dargestellt - ob nun entlang der Seidenstraße oder im Kontext des Trans-Sahara-Handels. Andre Gunder Frank (Frank 2000) hat diesen neuen weltweiten Blick auf das Weltsystem zurückgewendet und ist zu einer überraschenden "Re-Orientierung" gekommen: sieht man auf den Welthandel vor dem 19. Jahrhundert, dann ist nicht Europa sein Zentrum, sondern Asien und insbesondere China. China exportierte hochwertige Fertigprodukte, z.B. Porzellan, in den Westen, und der Westen zahlte mit Rohstoffen, vor allem Silber. Entgegen dem kartographischen Blick, das in europäischen Atlanten mit der Betonung der Seerouten gezeichnet wird, war der Handel mit China - auch über die großen Landrouten - nach Umfang und Struktur bis 1800 moderner als der europäische Handel. Und auch der Seehandel wird oft falsch eingeschätzt: es liefen, der Tragfähigkeit nach gerechnet, viel mehr chinesische Dschunken Manila an als westeuropäische Schiffe. Diese Re-Orientierung wurde von Kenneth Pomeranz (Pomeranz 2000) unterstützt, der ausführte, daß das chinesische Gewerbe nach vielen Indikatoren wie interregionale Arbeitsteilung, Migration oder Marktanteil der Agrarproduktion der europäischen überlegen war. Auch die ökologischen Folgen der frühneuzeitlichen Gewerbemassierungen an den Mündungen des Yangtse und der Perlflusses waren ähnlich wie die der an den Mündungen von Rhein und Themse - der Wald verschwand, der Boden erodierte. Das Argument von Pomeranz und der "California-School" läuft darauf hinaus, daß man in der Wirtschaftsgeschichte zwischen den "Welten" Asiens und der "Welt" Europas bis zur industriellen Revolution wenig Unterschiede findet. Die Entwicklungen gehen erst mit der industriellen Revolution wirklich auseinander, deren Bedeutung z.B. Jack Goldstone auf der European Social Science History Conference in Den Haag 2002 heraushob. Das bedeutet selbstverständlich eine Rückkehr zur allgemein verbreiteten Periodisierung vor Wallerstein (Braun 1972). Welchen Einfluß die "California-School" auf die weitere Entwicklung von Weltsystemüberlegungen haben wird, ist noch nicht ganz abzusehen. Ein Kernpunkt der Re-Orientierung besteht augenscheinlich darin, Silber und Gold als Rohstoffe zu charakterisieren, wogegen es auch Einwände gibt und was in der Tat die bisherige Einschätzung auf den Kopf stellt. Jedenfalls ist eine ökonomieorientierte Fassung der Weltsystemüberlegungen sicher von den Einwänden stärker betroffen als eine politikorientierte. Denn daß europäische Mächte im 16. Jahrhundert die Vorherrschaft auf den Weltmeeren durchgesetzt und die Hochseeflotten der Araber, Malaien und Chinesen entweder von den Weltmeeren vertrieben oder doch den Überseehandel mit Waffengewalt unter ihre Kontrolle gebracht hatten, bleibt ja unstrittig. Die industrielle Revolution bildete dann die Voraussetzung dafür, daß europäische Mächte im Verlauf des 19. Jahrhunderts ihre Interessen auch in den Kontinentalmassen militärisch durchsetzen konnten. Die neuen maschinellen Waffen erhöhten die Penetrationsfähigkeit des Zentrums und bildeten so eine Voraussetzung dafür, daß um 1900 (fast) kein Territorium mehr da war, das man annektieren konnte, und nun die Mächte die Waffen gegeneinander wendeten (Nolte 93, S. 85-107). 7. ForschungsansätzeDie Globalisierungsdebatte bedeutete für Weltsystemarbeiten einerseits eine Bestätigung - der Rückzug auf das Einzelne ließ zu viel unerklärt - andererseits jedoch auch eine erneute Herausforderung. Wie kann - außerhalb der großen weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Institute - Forschung etabliert werden ? Wie kann man von den globalen Fragestellungen auf den einzelnen handelnden Menschen kommen? Ein Vorschlag, den Zusammenhang zwischen Mikro- und Makro-Ebene konkreter Quellennachfrage zugänglich zu machen, wurde von dem Autor mit dem Konzept der "inneren Peripherien" vorgelegt (Nolte 1991). Hans-Peter Waldhoff hat in diesem Zusammenhang ein "sozialräumliches Mehr-Ebenen-Modell" vorgeschlagen. Es geht nicht nur um räumliche Hierarchien auf der Weltebene - also nicht nur um die Differenz zwischen den USA und Indien, z.B.. Es geht auch um Hierarchien innerhalb von Staaten, also etwa die Differenz zwischen Baden-Württemberg und Mecklenburg. Und es geht um Hierarchien innerhalb von Orten, um "Etablierte und Aussenseiter" in derselben Stadt, wie Norbert Elias vorgestellt hat. Und es geht selbstverständlich nicht um den Raum an sich, sondern um die Menschen, die auf ihm leben (oder auf anderem Weg mit ihm verbunden sind), Menschen, die sich in der Hierarchie verhalten - sie tendenziell stärken oder aufheben, je nachdem. Nationale Geschichtsschreibung hat einen institutionellen Vorteil: die Nationen organisieren und bezahlen ihre Historiker. Nationale Geschichte hat auch einen methodischen Vorteil: die nationalen Archive ermöglichen Quellennähe der Forschungen. Dies gilt für die politische Geschichte, das klassische Hauptarbeitsgebiet der Berufshistoriker. Es gilt aber auch für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Selbstverständlich gehen weder Politik- noch Wirtschaftshistoriker daran vorbei, daß es allgemeineuropäische Veränderungen gibt, zu denen die nationalen Eliten sich verhalten müssen. Die Brandenburger konnten, wie schon Leopold von Ranke notiert hat, nicht umhin, den "miles perpetuus" einzuführen, als ihre wichtigsten Konkurrenten das getan hatten. Und Rußland konnte, wie Dietrich Geyer gezeigt hat, nicht umhin, die moderne Industrie zu fördern, als es den Krimkrieg verloren hatte. Das Konzept der "Diffusion" war allgemeingültige Voraussetzung des Denkens: eine Erfindung, eine soziale/wirtschaftliche Veränderung, die in einem Land erfolgreich war, wird in einem anderen Land "nachgeholt"; dieselbe Industrialisierung hat im 18. Jahrhundert in England angefangen, wurde im 19. Jahrhundert dann in Frankreich, Belgien und Deutschland durchgesetzt und ist im 2o. z.B. in Japan erfolgt. Dagegen setzt die Systemtheorie das Verständnis, daß die Veränderung von Wirtschaft und Gesellschaft Englands im 18.Jahrhundert in einem Zusammenhang von Bedingungen mit Frankreich, mit Deutschland und Rußland, aber auch mit den englischen Kolonien - z.B. Indien - stand. Der Erfolg der Industrialisierung in England - so eine besonders umstrittene These, welche die These über die Ausbeutung der Peripherie als Voraussetzung der Industrialisierung variiert - setzte die englische Zugehörigkeit zum Zentrum des Systems schon voraus, weil das Zentrum mit seinen "Ersatz"-Produkten den Markt übernahm, welchen die asiatischen Gesellschaften mit ihrem Porzellan, ihren feinen Geweben und Lackwaren geschaffen hatten. Auch die Differenz zum Konkurrenten Frankreich war nicht allzugroß. Argumentiert man so, dann wird allerdings die englische Art der "Industrialisierung" unwiederholbar, denn die Voraussetzung der Zugehörigkeit zum Zentrum war ja z.B. für Rußland nicht gegeben. Erfolgreiche Forschung zu solchen Fragestellungen kann man sich nur in weltweiten Verbundsystemen vorstellen. Das naheliegendste Problem für Forschungen begrenzter Forschergruppen oder einzelner im Bereich von Weltsystemstudien liegt in der nationalen Verfassung jener Institutionen, welche Daten erheben und Archive unterhalten. Sehr oft entsprechen diese Erhebungsformen nicht der Fragestellung. Nehmen wir als Beispiel die Geschichte der polnischen Zuwanderung nach Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wie sie Adelheid von Saldern dargestellt hat. Polen war damals geteilt. Die deutschen Einwanderungs- und Polizei-Behörden haben genau erfaßt, wer aus dem österreichischen oder dem russischen Teilungsgebiet kam - er war in Deutschland ein Mensch dritter Klasse, ein Saisonarbeiter, welcher durch Legitimationskarten streng kontrolliert wurde und spätestens im November Deutschland wieder verlassen mußte. Insgesamt gab es 1907 unter 26,3 Millionen Erwerbstätigen 0,9 Millionen, die im Ausland geboren waren - davon 0,6 ,die aus Österreich oder Rußland stammten. Die Polen aus den preußischen Provinzen Posen, West- und Ostpreußen sowie Oberschlesien waren jedoch Reichsbürger, deren Zahl bei keiner Einreisebehörde erfaßt wurde. Auch sie wurden eingeengt, polnische Schulklassen sowie polnisch sprechende Priester waren verboten, bei Versammlungen mußte deutsch gesprochen werden und in Bochum gab es eine "Zentralstelle" für ihre Überwachung. Aber sie waren statistisch nicht genau erfaßt - man schätzt ihre Zahl auf 3oo.ooo bis 35o.ooo katholische "Ruhrpolen" und 15o.ooo lutherische Masuren. Wahrscheinlich wäre es möglich, die genauen Zahlen zu erarbeiten, wenn man alle Meldungen in den Landratsämtern Ostelbiens Jahr für Jahr nachträglich erhöbe und sie mit den Zahlen der Auswandererbehörden (für die Migration nach USA), denen der Landratsämter im Westen Deutschlands sowie der Städte, die später Groß-Berlin wurden, vergleichen würde. Aber es würde eben einen großen Arbeitsaufwand erfordern, und wer soll ihn leisten? Für die Zuwanderung nach Wien hat Andrea Komlosy eine nach Bezirken gegliederte Berechnung vorgelegt, die methodisch auf dem Rechtstatbestand der "Heimatberechtigung" in bestimmten Gemeinden beruht, und damit auch ein Instrument der Kontrolle der Migration beschreibt. Das Bedürfnis nach Kontrolle ist auch deshalb interessant, weil die Herkunftsgebiete der Zuwanderer rechtlich gesehen Inland waren . Die Schwierigkeiten mit der Erhebungsebene der meisten Statistiken werden dadurch verschärft, daß die Analyseebene Nationalstaat auch in der Forschung so sehr überwiegt. Die Art, in welcher die Massen des historischen Quellenmaterials in der Neuzeit von der bisherigen Forschung bearbeitet worden sind, bestimmt auch die Art, in der wir diese Quellen lesen und verstehen können. Es geht ja nicht darum, auf einer abstrakten Ebene Daten oder einzelne Aussagen auf Fragen nach übernationalen Zusammenhängen hin umzuinterpretieren. So notwendig der Generalist ist, der allgemeine Fragen stellt - die Antworten können nur in der Bearbeitung der Quellen im Archiv oder Editionen gefunden werden. Quellenerarbeitung und Quellenkritik bleiben auch die spezifischen Beiträge der Geschichtswissenschaft, die oft Mühe hat, die schnell wechselnden Fragestellungen der Soziologie oder Politikwissenschaft in der notwendigen Breite zu rezipieren, die aber meist schneller auf die relevanten historischen Daten zugreifen kann - oder auch zu der Feststellung gezwungen ist, daß diese oder jene Frage nicht entschieden werden kann. Die Schwierigkeiten mit der Erhebungsebene "Nationalstaat" oder "Staat" schwinden, je weiter man vor die Zeit zurückgeht, in welcher Staaten oder gar Nationalstaaten existierten. Daten zum Handel der Frühen Neuzeit z.B. entstammen sehr häufig punktuellen Erhebungsinstitutionen - dem Sundzoll des Königreichs Dänemark, den Pfundbüchern ostpreußischer Städte, den Rechnungsbüchern einzelner Handelshäuser oder auch Prozeßakten, die erhalten blieben, weil eine Hansestadt oder ein König mitbetroffen waren von dem Prozeß um festgehaltene Schiffe oder um Strandgut. Diese Quellen verleiten also nicht dazu, ein Territorium mit Außengrenzen zu konstruieren. Umgekehrt könnte die leichte Zugänglichkeit von Quellen z.B. zum weltweiten Handel Amsterdams - die Stadt richtete schon 1663 ein Kommerzkollegium ein, wenn auch nicht für lange Zeit (Brugmans 1897) dazu verleiten, die Gesamtbedeutung des Außenhandels zu überschätzen. Je weiter Forschungen vor die Neuzeit zurückgehen, desto spärlicher werden die Quellen überhaupt, insbesondere statistische Quellen, und immer mehr gelangen wir in "vorstatistische" Zeiten. Um gerade Fragen nach der Kontinuität nicht einfach deshalb sprachlos gegenüberzustehen, weil wir eine Frage nach Indikatoren, welche wir im 19. Jahrhundert ohne Schwierigkeit konkretisieren können, im 17. Jahrhundert in den Quellen einfach nicht beantworten können, muß der Historiker nichtlinear arbeiten, Fragen und Untersuchungsansätze wechseln (vgl. Etemad 1995, S. 75-84). Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich daraus, daß Weltsystemstudien notwendig die Disziplinen überschreiten. Das ist am naheliegendsten im Zusammenhang mit der Geographie. Ein "sozialräumliches Mehrebenensystem" muß zuerst einmal geographisch stimmen, stimmen im Sinn der historischen Geographie. Hans-Jürgen Nitz hat hierzu einen sehr instruktiven Sammelband vorgelegt, in dem er auch darauf verweist, daß Johann Heinrich von Thünen in seinem 1826 erschienen Buch "Der isolierte Staat in Beziehung auf Landwirtschaft und Nationalökonomie" viele der Überlegungen Wallersteins vorweggenommen hat, insbesondere zum Verhältnis von landwirtschaftlicher Produktion und Entfernung zum Absatzort. Um angemessen einschätzen zu können, was es bedeutet, wenn ein Gebiet sei es zu intensiver Viehwirtschaft sei es zu verstärkter Getreideproduktion übergeht, muß man nicht nur die historischen Verkehrswege zum Absatzmarkt, sondern auch die Bodengüten und die Wachstumsdauer kennen. Der Zwang zur Interdisziplinarität gilt aber auch für die Volkswirtschaftslehre, für die Soziologie oder die Wissenschaft von der Politik. Und er gilt, je mehr nicht nur wirtschaftliche Daten für wichtig gehalten werden, auch solche aus Theologie und Literaturwissenschaft. Schon aus der Institutionalisierung der "Area-Studies" ergibt sich, daß die erfolgreichste (und im einzelnen oft allein durchführbare) Methode der Weltsystemstudien der Vergleich sein muß. Vergleiche sind sehr schwierige Unternehmen der Erkenntnisgewinnung. Sie setzen erkenntniskritische Begriffsbildungen voraus, also Kritik jener Typologien, die den schnellen Zugriff auf eine fremde und ferne Realität ermöglichen oder auch nur zu ermöglichen scheinen. Nach solcher epistemologischer Kritik muß man im Prozeß des Vergleichs versuchen, das eigene Urteil an einer Vielzahl von Indikatoren zu prüfen (vgl. Nolte Christiane 1997). Entscheidend bleibt dann allerdings, daß der Forscher sowohl die eigenen Begriffe zur Diskussion stellen können wie auch in zwei oder mehr verschiedenen Gegenstandsbereichen Kompetenz erlangen muß. Das wird, schon der Sprachanforderungen wegen, die sich bei unterschiedlichen historischen Erkenntnisobjekten ergeben, nur selten möglich sein. Man muß also mehrere Fachleute dazu bringen, ihre Gegenstände wirklich so für die anderen zu öffnen, daß man - wie Stein Rokkan das formuliert hat - in ihnen hin und her gehen kann. Denn die Nachfragen - verstehe ich unter dem russischen "byt" wirklich dasselbe wie unter dem deutschen "Alltag" und dem englischen "everyday-life"? - solche Nachfragen ergeben sich ja erst im Prozeß der Forschung. Dabei wird für Fragestellungen der Weltsystemtheorie oft die schon von Reinhard Wittram angestellte Vorüberlegung wichtig sein, ob man einen diachronen oder synchronen Vergleich anstrebt bzw. ob man versucht, beides in einen erklärenden Zusammenhang zu bringen. Denn aus dieser Anlage ergibt sich , wie viele Fachleute man um Mitarbeit bitten will. Ein Beispiel aus dem Bereich der Frage, was eigentlich Adel in Europa war - eine aus den Quellen selbst entstehende Frage, weil die europäische Adelsgesellschaft einen weithin internationalen Charakter hatte und sich auch so begriff. Der europäische Adel bildete ein gesamteuropäisches System. Aber was wurde jeweils unter Adel verstanden? Gehörte der russische Adel, der seine Teilhabe an der Macht ja nicht durch ein ausgeklügeltes Ständesystem mit Steuerbewilligung und Indigenat absichern konnte, eigentlich dazu? Irene Auerbach hat 1992 in einem (synchronen) Vergleich für das 16. Jahrhundert, ausgehend von einem Ritterspiel in Preßburg 1572, ausgeführt: "Moscovien stand außerhalb der internationalen Adelsgesellschaft, die in übernationalen Veranstaltungen solche Normen" wie hier die Verteidigung der Wehrlosen, einübte (S.73). Michael Confino hat im gleichen Sammelband (diachron) Markward von Annweiler und Fürst Mensikov verglichen und darauf verwiesen, daß viele Familien des europäischen Adels aus dem Stand der Unfreien aufstiegen; als Diener und Vertraute. Beide Vergleiche sind für die Geschichte des europäischen Weltsystems von Bedeutung - der synchrone zeigt, daß die europäische Adelswelt im 16. Jahrhundert Moskowien noch nicht integriert hatte - der diachrone, daß es strukturelle Ähnlichkeiten zwischen beiden gab, wenn auch möglicherweise mit zeitlichen Verschiebungen. Falls Rußland im 16. Jahrhundert also wirklich noch nicht Mitglied des europäischen Systems war, wird doch leichter verständlich, warum es Rußland später gelang, zum Mitglied zu werden. Weltsystemstudien sind also besonders schwierig, weil ihr Komplexitätsgrad größer ist, als der gängiger historischer Arbeiten zur nationalen Geschichte, weil der Grad der Institutionalisierung (schon der umfassenderen Universal- oder Weltgeschichte) im deutschen Sprachraum gering ist und weil sie auf eine Kooperation zwischen verschiedenen Disziplinen zielen. Andererseits ist das Erklärungspotential des Weltsystemkonzepts groß und falls die Vermutung stimmt, daß die globale Vernetzung in den vor uns liegenden Jahrzehnten steigen, ist auch wahrscheinlich, daß die Nachfrage nach globalgeschichtlich angelegten Arbeiten zunehmen wird. Globalgeschichtlich angelegte Forschungen müssen nicht notwendig dem Systemansatz folgen, sie führen aber das Publikum auf Fragen des systematischen Zusammenhangs hin. Fehlt die Globalgeschichte, fehlt die Erkenntnis, wie unterschiedlich die Welt trotz (oder wegen?) all der realen Globalisierung ist (Charles Bright und Michael Geyer), dann fehlt auch das Interesse an der Frage nach dem Systemzusammenhang. Der Herkunft der Weltsystemstudien aus dem anfangs vor allem handelsgeschichtlich argumentierenden Konzept Wallersteins entsprechend gibt es besonders viele Arbeiten, welche Außenhandelsdaten zu erarbeiten und zu interpretieren suchen. Englischsprachige Forschungen stehen deutlich im Mittelpunkt, so etwa die zweibändige Publikation von James D. Tracy über Kaufmannsreiche, Staaten und Fernhandel zwischen 135o und 175o. Europäische Kompanien und die Kosten des Schiffbaus, aber auch die Rentabilität des Transsahara-Handels die lange anhaltende Konkurrenz der asiatischen Karawanen für den westeuropäischen Indienhandel und die Weltbewegungen von Edelmetall ("Bullionflows") werden vorgestellt und auf das Systemkonzept hin bezogen. Auf den Weltkongressen der Wirtschaftshistoriker werden Fragen der Entstehung und Ausbreitung der Weltwirtschaft häufig diskutiert, z.B. zugänglich in der Edition Hans Pohls 199o. Die enger zugespitzte Frage, ob die Ausbeutung der Peripherien für die Industriealisierung strukturelle oder gar monokausale Voraussetzung gewesen sei, ist mit quantitativen Argumenten seit den 8Oer Jahren überwiegend negativ entschieden worden, also dahin, daß der Anteil des Südhandels am Welthandel der Frühen Neuzeit zu gering war, um als Bedingungen für die Industrialisierung gelten zu können - so hat z.B. Hartmut Elsenhans 1984 den Stand der Forschung zusammengefaßt. Meine (1993 wiederholte) Argumentation dahin, daß die Vorteile der Expansion nicht nur im Fernhandel bestanden, sondern z.B. auch in der Möglichkeiten der Migration, hat dagegen keinen Einfluß ausgeübt. Paul Bairoch hat das klassische Argument 1995 noch einmal so zusammengefaßt: "The West did not need the Third World; good news for the Third World": da der Westen die Peripherien zur Industrialisierung nicht brauchte, bildet die Verfügung über Peripherien keine Voraussetzung für erfolgreiche Industrialisierung. Auch Patrick Karl O'Brien, einer der frühen Vertreter des quantitativen Kritik der Abhängigkeitsthese, hat aber 1997 auf die Vorteile verwiesen, welche die "Dritte Welt" vom Anstieg des Welthandels im Zusammenhang der Industrialisierung Europas gehabt habe. Der neueste Stand der Debatte findet sich in den Beiträgen von Becker und Nolte in einem 1999 erschienenen Sammelband (Parnreiter 1999). Im wirtschaftsgeschichtlichen Zusammenhang findet der Historiker also ein dichtes Feld von Studien, an denen er sich orientieren kann. An der Universität Hannover werden z.Zt., über hannöverschen Getreideexport im 18. Jahrhundert sowie über die Stellung Polens in der Frühen Neuzeit betreut. In beiden Fällen wird nach der Einordnung in den Systemzusammenhang und nach Vorteilen oder Nachteilen der halbperipheren Lagen gefragt (Obal, Adamczyk 2000). Zur Geschichte der europäischen Expansion nach Übersee hat Wolfgang Reinhard eine eindrucksvolle Gesamtgeschichte vorgelegt, die auch für alle Fragen des Systemzusammenhangs heranzuziehen ist. Kolonialgeschichte ist inzwischen eine an mehrere deutschen Universitäten etablierte Teil-Disziplin, und in ihrem Rahmen können und müssen Fragen des systematischen Zusammenhang ja zumindest für die jeweilige Kolonialmacht gestellt werden. Geschichte halbperipherer Länder wird im deutschen Hochschulsystem vor allem im Rahmen der osteuropäischen Geschichte erforscht. Geschichte des mediterranen Raumes ist nur sehr beschränkt institutionalisiert. Diese ungleichmäßige Institutionalisierung hat den Nachteil, daß die Geschichte ungleicher Entwicklung innerhalb Europas oft als West-Ost-Differenz verstanden wird, während sich in Wirklichkeit um das Zentrum im Nordwesten des Kontinents ein Ring von "weniger" entwickelten Ländern legt, von Spanien bis Rußland. Für die Geschichte der ungleichen Entwicklung innerhalb Europas fehlt bisher eine Gesamtdarstellung, die in ähnlicher Weise den allgemeinen Rahmen für Fragen nach dem Systemzusammenhang bieten könnte, wie die Geschichte der europäischen Expansion von Reinhard. Einführungen bieten aber die Sammelbände von Daniel Chirot 1989 und Miroslav Hroch 1996; hinzuweisen ist auch auf den Vorschlag von Holm Sundhaussen, für die Frühe Neuzeit von einer eigenen "osteuropäischen Produktionsweise" zu sprechen. Für die Geschichte der Industrialisierungsversuche im 19. Jahrhundert bietet der Sammelband von Jean Batou 199o einen weltweiten Vergleich; für das 2o. Jahrhundert ist der von Henryk Szlajfer ebenfalls 199o herausgegebene Vergleich zwischen Ostmitteleuropa und Lateinamerika spannend (und von ungeahnter Aktualität); eine wirtschaftsgeschichtliche Gesamtdarstellung bieten Aldcroft und Morewood. Den Vergleich mit Industrialisierungsvorgängen in Afrika, Asien und Afrika erleichtert der von Peter Feldbauer herausgegebene Sammelband mit der alten und neuen Literatur zu diesem Thema. Der Fernhandel ist nur ein Bereich, in dem der Systemzusammenhang greifbar wird. Es ist in der Tat ein Ergebnis der Diskussion des letzten Jahrzehntes, daß seine Bedeutung leicht überschätzt wird - auch deswegen, weil die Quellen so konkret und verläßlich sind (oder zu sein scheinen), und weil man sie in so schönen Reihen zusammenfassen kann. Der Fernhandel bildet aber in der Tat nur einen kleinen Ausschnitt aus den Beziehungen zwischen Menschen in verschiedenen Regionen der Erde. Die Geschichte der Migrationen ist ein anderer, vielleicht nicht weniger wichtiger Bereich. Wie der Niederländer Hermann Diederiks und der Münsterländer Franz Bölsker-Schlicht, ohne ihre Arbeiten zu kennen, deutlich gemacht haben, gab es in der Frühen Neuzeit eine jahrhundertelange Wechselbeziehung zwischen dem "alten" Westfalen (das bis zum Wiener Kongreß bis vor die Tore Emdens an der Nordsee reichte) und der Republik der Sieben Provinzen, also den heutigen Niederlanden. Saisonarbeiter, Soldaten und Matrosen, aber auch Apotheker und Pfarrer wanderten aus Deutschland in die Niederlande, wo sie überwiegend gering bezahlte Arbeiten übernahmen, z.B. das Mähen des Heus und das Stechen des Torfs. Die Bistümer und Grafschaften des alten Westfalen, aus dem die Saisonarbeiter kamen, waren wirtschaftlich und fiskalisch darauf angewiesen, daß die landarmen Heuerlinge jenseits der Grenzen etwas verdienen konnten, und für die Viehbauern an der niederländischen Küste waren diese Arbeitskräfte ebenfalls wichtig. Aber auch wenn durch die Arbeit Geld nach Vechta oder Meppen kam - einen Entwicklungsschub hat dieser Geldstrom nicht bewirkt. Nach der Industrialisierung Deutschlands im 19. Jahrhundert (die aber nicht von Meppen und Vechta ausging) hörte diese Arbeitsmigration in den Westen auf und "an seine Stelle" trat eine Strom von Saisonarbeitern aus Polen und Westrußland nach Deutschland, wie Adelheid von Saldern zeigt. Auch hier wird eine Regelhaftigkeit deutlich. Der Vorteil für das jeweilige Zentrumsland lag wohl vor allem darin, daß mehr Holländer sozial aufsteigen konnten, indem die körperlich anstrengenden, oft schlecht bezahlten und nicht selten (in der Marine der Frühen Neuzeit, aber auch dem Bergbau des 19. Jahrhunderts) auch besonders lebensgefährlichen Jobs an Zuwanderer abgegeben werden konnten. Interpretiert werden können diese Vorteile vielleicht am besten im Kontext von Kompetenzakkumulation. Dabei muß allerdings auch deutlich werden, daß diese ein mit politischen und sozialen Instrumenten sowie Rollenzuweisen durchgesetzte und nicht eine sich aus Begabungsunterschieden spontan durchsetzende Hierarchisierungsform bildet. Das machen die Arbeiten zur weltweiten Verbreitung und unterschiedlichen Ausformung des "informellen Sektors" in der Weltwirtschaft deutlich, die Andrea Komlosy, Christof Parnreiter, Irene Stacher und Susan Zimmermann herausgegeben haben und die Beispiele von der frühneuzeitlichen Plantagenökonomie bis zum Verschwinden der Haushalte, aber auch neueste Entwicklungen wie die Ausweitung informeller Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit im Zeitalter der Globalisierung vorstellen. Ein ganz anderer Bereich, in dem Systemstudien ergiebig eingebracht worden sind, ist die vergleichende Städtegeschichte. Lud'a Klusáková hat darauf verwiesen, daß nicht nur die bloße Verbreitung von Städten, sondern auch einzelne Definitionen und Funktionen wie Bevölkerung, Berufsstruktur, Märkte, Teilnahme an den Ständen, Bauinvestitionen, pädagogische und kulturelle Institutionen etc. sowohl über den Status der Region wie über Wechselbeziehungen etwas aussagen, ohne daß doch einfach Zuordnungen möglich wären - das Land mit dem niedrigsten Urbanisierungsgrad in Westeuropa war England, also gerade der wirtschaftliche Aufsteiger des 18. Jahrhunderts. Carl-Hans Hauptmeyer hat den Aufstieg der Residenzstädte und Abstieg der spätmittelalterlichen Handelsstädte in Nordwestdeutschland u.a. mit ihrer Stellung in der damaligen Halbperipherie des Weltsystems erklärt. Peter Feldbauer, Karl Husa, Erich Pilz und Irene Stacher haben eine vergleichende Studie von Millionenstädten in peripheren Ländern vorgelegt, von Shanghai bis Lagos sowie Mexiko bis Teheran und die Ergebnisse systematisierend zusammengefaßt. Daß auch im Bereich der Pädagogik Weltsystemansätze über einen bloßen Vergleich hinausführen können, hat Christel Adick gezeigt. Überhaupt sind systematische Zuordnungen zu unterschiedlichen Entwicklungen in der Geistes- und Literaturgeschichte durchaus häufig. Da das Verhältnis Rußlands zu Westeuropa spätestens seit Peter dem Großen eines der zentralen Probleme der russischen Ideengeschichte ist, gibt es zu ihm auch eine lange Literaturliste, auf der unter vielen anderen Dmitrij Tschizewskij und Dieter Groh aufzuführen wären. Wer auf diesen Gebieten arbeiten will, findet entsprechend vielfältige Bezugspunkte und intellektuelle Vor- und Mitstreiter. Dies gilt auch für den Bereich der Völkerbilder und der Stereotype, wozu die Niederländische Akademie der Wissenschaften 1995 einen von André Gerrits und Nanci Adler herausgegebenen Sammelband publiziert hat. Es ist auffällig, daß etwa das Deutschenbild der Niederländer in der Frühen Neuzeit mit seinem Spott über die ungebildeten, unsauberen aber prahlerischen "Moffen" - wie H. Mertens-Westphalen es vorstellt, mit dem deutschen Polenbild des 19. Jahrhunderts manches gemein hat. Es hatte also seine Wirkungen, daß die - zeitlich verschobene, diachron aber ähnliche - Saisonarbeit der ärmeren Nachbarn die Bilder prägte. Daß der Zusammenhang des europäischen Systems im Bereich der internationalen Politik schon im Mittelalter von Bedeutung war, zeigen die gemeinsamen Unternehmungen der Christenheit, die Kreuzzüge. Daß jeder, wer in diesem System mithalten wollte, sich nach dem Rüstungstandard der führenden Mächte zu richten hatte, erfuhr man spätestens auf dem Schlachtfeld. Wer nicht selbst die neue Rüstungstechnik entwickelte, mußte sie importieren und dazu Fachleute einladen, wie Peter der Große mit dem Ukas zur Anwerbung von Ausländern 17o2. Man brauchte Ausländer, um den russischen Soldaten den für die neue Linientaktik so wichtigen Drill beizubringen. Man brauchte Ausländer, um die Eisenhütten und Manufakturen zu bauen, welche die Kanonen, Gewehre und Kugeln produzierten, mit welchen nun der Krieg entschieden wurde. Um die neue Armee einzuführen, übernahm man aus Schweden ein neues Rekrutierungssystem, wodurch die Belastungen der russischen Bauern vermehr wurden. Das ging über den Bedarf an Ausländern im Zusammenhang des Fernhandels (über den Demkin berichtet hat) und im Bereich der Modernisierung (über die Amburger geschrieben hat) weit hinaus. Die vielen Ausländer riefen durchaus Unwillen im Lande hervor, besonders naheliegenderweise bei den kleinen Leuten, welche für die Kosten der Reformen geradezustehen hatten. Daß es aber selbst dem so ausländerfreundlichen Zaren nicht immer leicht fiel, konkret mit diesen ins Land gerufenen Fachleuten und allgemein mit der Überlegenheit des Zentrums umzugehen, hat derselbe Peter der Große nach dem Bericht des hannöverschen Gesandten Friedrich Christian Weber (S. 1o f.) 1714 mit der Hoffnung zum Ausdruck gebracht, daß der Sitz der Wissenschaften wandert: "Die Geschicht-Schreiber setzen den alten Sitz der Wissenschaften in Griechenland, von wannen sie durch das Verhängniß der Zeiten verjaget, und in Italien ausgebreitet, hernächst aber in alle Europäische Länder verstreut, durch unserer Vorfahren Unart aber verhindert worden. weiter als in Polen zu dringen, da doch die Pohlen so wohl als alle Deutsche in eben einer solchen dicken Finsterniß als wir bißhero gelegen, und durch unendliche Mühe ihrer Regenten die Augen endlich geöfnet, und sich in den Besitz der ehemaligen Griechischen Künste, Wissenschaften, und Lebens-Art gesetzet haben. Nunmehro wird die Reihe an uns kommen ..." Peter war also 1714 (von Leibniz bestärkt) ein Anhänger der Diffusionstheorie: im Kern dieselbe Entwicklung, hier der Wissenschaft, ließ sich durch die Mühe der Regenten aus Westeuropa nach Deutschland verpflanzen und wird sich auch nach Rußland verpflanzen lassen. Dann werden "wir" (Russen) an der Reihe sein, es den andern zu zeigen. Kann man sagen, daß Rußland cum granu salis im letzten Vierteljahrtausend diesen Entwicklungsweg gegangen ist - Regenten, die "durch unendliche Mühe" den Untertanen die Augen geöffnet haben? Aber - bei allen zeitweisen Erfolgen der russischen Wissenschaft - Rußland ist nicht zum "Sitz der Wissenschaften" geworden, der ist vielmehr in Westeuropa geblieben bzw. in die USA gewandert. Ist die Diffusionstheorie falsch, war Rußland mehr ein Platz für Gelehrte, die im Zentrum keinen Erfolg hatten, als auf dem Weg, selbst zum Zentrum zu werden? Selbstverständlich haben auch die Gelehrten, die im Zentrum keinen Erfolg haben, manchmal Recht. Aber die Leute, die zu den Forschungsprogrammen in Harvard oder am Massachusetts Institute of Technology passen, gehen eben doch in die USA. Ist die Wissenschaftsgeschichte mehr durch die globale Zuordnung der Forschungsinstitutionen im Weltforschungssystem bestimmt als durch Prozesse des "Nachholens"? Es wäre, angesichts der schon so lange und nur mit kleinen Pausen andauernden Führungsrolle der angelsächsischen Welt in der Wissenschaft, zumindest der Nachfrage wert. Gewiß, in Deutschland (wo es ja auch die "Regenten" waren, welche die Wissenschaft förderten) und in Frankreich (das Peter hier nicht nennt, wo der Staat aber ebenfalls in der Wissenschaftsförderung seit dem Absolutismus eine große Rolle spielt), gelang es in einigen Perioden, die englischsprachige Führung in Frage zu stellen. Letztlich aber wurden die ökonomisch von ihrem Staat relativ unabhängigen englischen Universitäten von den amerikanischen beerbt, und nicht den deutschen oder französischen. Ist die Staatsintervention nicht also doch ein Zeichen der halbperipheren Lage? 8. InstituionalisierungDa niemand in all diesen Wissenschaften gleichermaßen Fachmann sein kann, sind Weltsystemforschungen auf Kooperation zwischen den Fächern angewiesen. Diese setzt jedoch sehr umfangreiche Institutionalisierung voraus. Ein einzelner Wissenschaftler kann, mit der Unterstützung von forschungsfördernden Stiftungen, Symposien veranstalten, zu denen Fachleute verschiedener Disziplinen eingeladen werden. In den drei Tagungsbänden zur Geschichte Innerer Peripherien (Nolte 1991, 1997 und 2001) sind die Ergebnisse von vier Konferenzen belegt oder nachvollziehbar, die mit Hilfe der Volkswagenstiftung, der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie des Vereins für Geschichte des Weltsystems in Hannover, Schwerin und Kaluga durchgeführt werden konnten. Zu diesen Konferenzen kamen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Fächern Geschichte, Politik, Soziologie, Geographie und Literaturwissenschaften zusammen. Inhaltlich bildete das Verhältnis von Mikro- und Makro-Ebene ein entscheidendes Problem dieser Konferenzen. Mit dem Konzept "Innere Peripherie" wurde eine vermittelnde Größenordnung vorgeschlagen, für die Christiane Nolte ein Frage-Raster vorlegte (Nolte Christiane 1997). Dieter Eissel und Alexander Grasse boten auf der vierten Konferenz in Kaluga dann die aktuelle Anbindung der Studien über innere Peripherien an die Regionalpolitik der Europäischen Union (Eissel 2001); zusammen mit anderen Beiträgen wurde diese Einführung auch in russischer Sprache für das rußländische Publikum vorgelegt (s.Eissel 2001). Für die Kooperation von Geographen und Historikern bildete die Konferenz ein gutes Beispiel, die der Geograph Hans-Jürgen Nitz in Reinhausen bei Göttingen veranstaltete (Nitz 1993). Daß Weltsystemkonzept wurde insbesondere unter Gesichtspunkten historischer Kulturgeographie überprüft, woraus sich vielfältige Konkretisierungen und Einwände ergaben. Ein großer Vorteil des Bandes sind die vielen Karten, die es erlauben konkret im Gelände nachzuvollziehen, wovon geschrieben wird. Nitz hat auch einen der wichtigsten Beiträge zur zweiten Konferenz über innere Peripherien eingebracht (Nitz 1997), der inzwischen auch in russischer Übersetzung vorgelegt werden konnte (s. Nitz 1997). Es liegt aber auf der Hand, daß solche Konferenzen nur punktuelle Zusammenarbeit bringen, wo Dauer notwendig wäre. Es gibt umfangreiche, mit vielen wissenschaftlichen Mitarbeiterstellen ausgestattete Forschungsinstitutionen zur nationalen Geschichte, z.B. zur Geschichte der Deutschen in Osteuropa, zur Geschichte der deutsch-polnischen, der deutsch-französischen oder der deutsch-britischen Beziehungen. Der deutsche Staat finanziert diese Institutionen, weil er das für sein Interesse hält. Als Financier für Forschungen zum Weltzusammenhang kämen naheliegenderweise UN bzw. UNESCO in Betracht, und die UNESCO hat sich auch im Bereich weltweiter oder auf Großregionen bezogener Geschichtsschreibung wirklich engagiert. Aber sie hat nicht die Mittel zur Verfügung, mit denen z.B. Deutschland in Oldenburg die Geschichte Pommerns und Schlesiens aus deutscher Sicht erforschen läßt, und angesichts der entschiedenen Bemühungen der Nationalstaaten, insbesondere der USA, die UNESCO in ihrer Mittelausstattung einzuschränken, wird sich daran in absehbarer Zeit auch nichts ändern. Es gibt jedoch z. T. zahlenmäßig große internationale Vereine, welche der Weltgeschichte gewidmet sind, z.B. die World-History-Association mit dem Zentrum in den USA mit z.Zt. 1.700 Mitgliedern. Die WHA gibt sowohl eine eigene wissenschaftliche Zeitschrift heraus, die z.Zt. in Hawai redigiert wird - das WORLD HISTORY JOURNAL - sowie ein Bulletin für die Mitglieder , in dem auch Unterrichtsentwürfe zur Weltgeschichte regelmäßig vorgestellt und didaktische Fragen diskutiert werden. Da es im Geschichtsunterricht der amerikanischen High-Schools und Colleges einen Kurs "Weltgeschichte" gibt, haben die Autoren ein Publikum und wird an den Universitäten der Stoff gelehrt. Die WHA vergibt regelmäßig Preise für besonders wichtige Bücher, etwa Gunder Franks ReOrient (Frank 2000). Im amerikanischen Kontext DER Worldhistory finden dann auch Weltsystemstudien ihre Leser und Hörer, und entsprechend unterhält der Staat New York an der staatlichen Universität in Binghamton ein "Fernand-Braudel-Center" unter der Leitung von Immanuel Wallerstein, das sich Weltsystemstudien gewidmet hat (vgl. zur Institutionalisierung Wallerstein 2001). Mutatis mutandis ähnlich ist die institutionalle Gliederung in Rußland, wo Weltgeschichte in der Schule und also auch an der Universität gelehrt wird und entsprechend die Rußländische Akademie der Wissenschaften eine große Abteilung für Weltgeschichte besitzt. In Deutschland, wo Weltgeschichte nicht als systematisch eigener Teil der Geschichte ausgewiesen ist, fällt auch die Institutionalisierung schwerer. Zwar gibt es Institute und Hochschullehrstühle für "Areastudies", also für Gegenwart und Geschichte Osteuropas, Afrikas oder Ibero-Amerikas z.B.. Das zusammenfassende "Weltgeschichte" steht jedoch offenbar zu sehr unter dem Verdacht der mangelnden Fachkompetenz. Es gilt als "ein fragwürdiges Sondergebiet", wie Ernst Schulin (1974 S. 12) für die Universalgeschichte formuliert hat. Einzelne Wissenschaftler vertreten welthistorische Themen, aber ein Institut gibt es m. W. nicht. Der "Verein für Geschichte des Weltsystems e.V." (Bullerbachstr.12, D - 3o89o Barsinghausen) kann mit etwa 50 Mitgliedern selbstverständlich keine wirkliche Alternative zur Institutionalisierung bieten, auch wenn er sich um Förderungen, Konferenzen und didaktische Umsetzung bemüht. Das Interesse des Vereins an Weltgeschichte ist selbstverständlich breiter, als das an dem Konzept Weltsystem; auch ein Wissenschaftler oder Lehrer, der das Konzept für erklärungskräftig hält, will kontinuierlich prüfen, ob nicht doch andere Konzepte weniger Schwierigkeiten und Widersprüche aufweisen. Der Verein gibt eine ZEITSCHRIFT FÜR WELTGESCHICHTE (Sigel ZWG) heraus (im Verlag Lang, Frankfurt), in welcher die umfassende Diskussion um Weltgeschichte rezipiert und mit geführt wird. Dies wird z.B. mit vielen Übersetzungen versucht, die vor allem die angelsächsische Diskussion in Deutschland bekannt machen, und in denen auch Konzepte vorstellen, welche bewußt den Systembegriff ablehnen wie Bruce Mazlishs Arbeiten über "Global History" oder Shmuel Eisenstadts über "Vielfältige Modernen". Nicht zuletzt will die Zeitschrift einfach auch für Geschichte außereuropäischer Länder ein Forum bieten, ob das nun die Geschichte Sibiriens, Kubas, Nigeriens oder Hadhramauts ist. 9. Aktuelle DebattenEine Stärke des Weltsystemkonzeptes ist es, daß im Rekurs auf diese allgemeine Position aktuelle Probleme der Welt aufgegriffen und diskutiert werden können. Dies geschieht nicht nur in der angelsächsischen Welt, sondern z.B. auch in Polen was an zwei Bänden verdeutlicht wird, die gerade in Warschau erschienen sind (in englischer Sprache und polnischer Übersetzung). Ryszard Stemplowski hat zwei Bände zusammengestellt, die deutlich machen, wie vielfältig und verbreitet Weltsystemstudien inzwischen sind: einen über Terrorismus und einen über die Europäische Union im Weltsystem. Der Band über Terrorismus vereint neun Beiträge, in denen Terrorismus in unterschiedliche Kontext eingeordnet wird: Endphasen von Hegemonialmächte; Übergängen zwischen staatlichem und individuellem Terror; Wirtschaftzyklen und Peripheriebildung; Weltreligionen; Globalisierung und den destabilisierenden Wirkungen auf die internationale Gemeinschaft. Greift man den Aufsatz des Argentiniers Carlos Escudés heraus, dann liest man außerordentlich faktengesättigte Ausführungen über die Verbreitung sowjetischer Geheimwaffen (sowohl biologische wie minitarisierte Atomwaffen)nach dem Zusammenbruch der UdSSR sowie die Ausbreitung der russischen Mafia. Escudé kritisiert Weltsystemtheoretiker wie Arrighi und Silver, die ein Ende der amerikanischen Hegemonie sehen, und kommt im Gegensatz zu der Schlußfolgerung, daß nach 9/11 eine größerer Bedarf an US-Führung besteht. Deutlich wurde das schon daran, daß die Bundesgenossen für die amerikanischen Kosten im Golfkrieg aufkamen (S.94). Daß solcher Bedarf in Macht umgesetzt werden kann, versteht sich von selbst; Escudé hält sogar "good, old-fashioned conquest" der wichtigsten Rohstoffbasen für eine Option (S. 95). Im selben Band stellt Walter Laqueur den Terrorismus in seinen historischen Rahmen (Laqueurs erstes Buch zum Thema erschien 1977). Er bestimmt "Selbstmordbomben mit der Bereitschaft zum undifferenzierten Massaker" als das Neue, also Selbstmordattentate, die undifferenziert gegen zufällig Anwesende gerichtet sind (S.179). Ein notorischer Besserwisser wie der Unterzeichnete mag an Samson im Tempel der Philister erinnern, trotzdem: diese Positionsbestimmung ist ergiebig. Der Band zur Europäischen Union vereint sieben Beiträge. Arno Tausch argumentiert für die Wahrscheinlichkeit eines Hegemonialkonflikts vom Typ "Habsburg gegen den Rest der Welt" im Kontext der Wirtschaftszyklen. Tausch zeigt den Abstieg Europas am sinkenden Prozentsatz eigener Patente - inzwischen werden in Südkorea mehr angemeldet als in Deutschland (S.63) - und dem Sinken des Anteils europäischer Transnationaler Konzerne an den 50 führenden der Welt. Carlos Escudé plädiert dafür, Sicherheit im Weltsystem für genauso wichtig zu nehmen wie Ökonomie und die Führerschaft der USA im Kampf gegen "globalized power" anzuerkennen. Längerfristig solle man ein "kosmopolitisches Welt-System der Demokratien" anstreben. Seine methodische Kritik an Wallerstein macht er daran fest, daß dieser in seinen theoretischen Konzepten (nicht seinen narrativen Darstellungen) die Bedeutung politischer Macht unterschätzt. Gernot Köhler führt die hohe Arbeitslosenrate in der EU auf die neoliberale Politik zurück und fordert politische Einwirkungen zur Erhöhung der Nachfrage. Ewa Maziarz und Anna Pochulczyk argumentieren, daß die EU sich durch ihre politische Struktur als zeitgemäß erwiesen hat und an Einfluß zunehmen wird. Aleksander Müller setzt mit einer Darstellung des Kalten Krieges ein, die so tut, als habe es Revisionismus nie gegeben (Ohne einen einzigen Nachweis für seine Position!) und skizziert das Wachstum der EU zu jetzigen Größe, aus welcher er Einfluß ableitet. Joseph Bigio plädiert für einen korporativen Kapitalismus. Hans-Heinrich Nolte hat seinen Beitrag Helmut Bley gewidmet. Er bestimmt die Großregionen Europas in einem weiten historischen Rückgriff, der in der Zeit bis zum Scheitern aller "Renovationes Imperii" zurückgeht (also bis zu Kaiser Justinian). Er differenziert die Einordnung Osteuropas nach systemimmanenten sowie nach für dieses Gebiet spezifischen Eigenheiten, und votiert gegen "Identität" als Maßstab von Politik und für nüchterne, am Wohlergehen aller Weltbürger orientierte Lösungen. Zusammenfassend: Escudé und Nolte kritisieren an Wallersteins Modell die zu geringe Berücksichtigung politischer Macht, was sie Ökonomismus nennen. Escudé plädiert für die Ausweitung von NATO und EU nach Osten inklusive Rußland; Tausch sieht die Wirtschaftsleitung Europas skeptisch (was wiederum politische Fehler induzieren könnte), Nolte argumentiert für einen eigenen eurasiatischen Wirtschaftsraum. Köhler tritt für einen weltweiten Keynesianismus ein; Maziart und Bigio dagegen sehen den Grund für Europas Schwierigkeiten im neoliberalen Kontext, also in der Globalisierung. Tausch zeigt einmal mehr mit einer Fülle von Statistiken die Ergiebigkeit seines an Bornschier anknüpfenden Ansatzes. Escudé meint, die USA haben die EU gegründet; Müller und Tausch dagegen, daß die EU eher gegen die USA gegründet worden sei. World-System-Theory is coming of age. Stemplowski macht durch die beiden Bände sehr gut deutlich, daß Weltsystemstudien zu einer breiten Wissenschaftsströmung geworden sind, in welcher die unterschiedlichsten Positionen Platz haben, die aber durch Wallersteins Werk gemeinsame Bezugspunkte besitzen und so eingeordnet werden können. 10. ZusammenfassungWissenschaft kann nur in Diskussionen entwickelt werden. Zur Weltgeschichte gibt es in den USA viele Konferenzen und auch manche Institution, in Deutschland sind die Diskussionen aber noch wenig entwickelt und die Institutionalisierungen schwach. Insbesondere in der Wirtschaftsgeschichte sind fraglos sehr wichtige Debatten und Forschungskontroversen unter dem Gesichtspunkt des weltweiten Zusammenhangs geführt worden und ähnliches gilt für die Zwänge zur Übernahme neuer Rüstungstechniken und entsprechender sozialer Formen im Rahmen der Konkurrenz der Mächte. Studien über die Geschichte des globalen Zusammenhangs, von Zuordnungen, Abhängigkeiten und Chancen im Rahmen der einen Welt auf vielen Gebieten erst am Anfang, etwa im Bereich der Wissenschafts- oder der Ideengeschichte, obgleich diese an die alte Ideengeschichte durchaus anknüpfen kann. Aber wie strukturiert z.B. die kulturelle Verschiedenheit das Weltsystem (Featherstone 1990, Müller 1995)? Hier sind große Forschungsaufgaben. Weltsystemstudien sind durch den hohen Grad an Komplexität, die Vielfalt der Sprachanforderungen und das Problem der Quellenferne besonders schwierig. Ihre mangelnde Institutionalisierung bedroht außerdem jeden, der sich diesen Studien widmet, mit beruflichem Mißerfolg. Man kann auch ziemlich sicher sein, daß einen bei solchen Arbeiten das Gefühl der Überforderung begleiten wird, und daß man danach von Zeit zu Zeit jene kleine Ecke in der Geschichte mit Freude begrüßen wird, in der man wirklich einen Teil der Quellen kennt. Aber Weltsystemstudien versprechen Auskunft über die historische Entstehung der gegenwärtigen Vernetzung der Welt. Das ist kein geringer Preis. 11. Ausgewählte LiteraturAdamczyk, Dariusz: Zur Stellung Polens im modernen Weltsystem der Frühen Neuzeit, Hamburg 2001 (Verlag Dr. Kovacz)Adamczyk, Dariusz: Polens halbperiphere Stellung im internationalen System: eine Long-Run Perspektive, in: ZWG 2.2 (2001) S, 79 - 90. Adick, Christel: Die Universalisierung der modernen Schule = Internationale Gegenwart Bd.9,Paderborn 1992 (Schöningh-Verlag) Ahrweiler Hélène, Aymard Maurice: Les Européens, Paris 2000 (Hermann) Aldcroft, Derek H. ; Morewood, Steven: Economic Change in Eastern Europa since 1918, Aldershot 1995 (Edward Elgar) Amburger, Erik: Die Anwerbung ausländischer Fachkräfte für die Wirtschaft Rußlands vom 15. bis ins 19. Jahrhundert = Giessener Abhandlungen zur Agrar- und Wirtschafttsforschung des europäischen Ostens, Wiesbaden 1968 (Harrassowitz) Amin, Samir; Arrighi, Giovanni; Frank, Andre Gunder u.a.: Dynamik der globalen Krise, dt. Opladen 1986 (Westdeutscher Verlag) Auerbach, Irene: Der Begriff "Adel" im Russland des 16. Jahrhunderts, in: Cahiers du Monde Russe et Soviétique 34 (1993) S. 73-88. 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