Hans-Heinrich Nolte: Der 'Verein für Geschichte des Weltsystems e.V.'

Wer ein wissenschaftliches Feld; ein neues Paradigma für wichtig hält, es aber im Rahmen der Universität nicht etablieren kann und auch nicht genug Vermögen besitzt, um eine Stiftung ins Leben zu rufen, der gründet einen Verein. Man kann dann mit relativ bescheidenen Mitteln einen Diskussionszusammenhang herstellen, Tagungen und Vorträge veranstalten, sogar Zuschüsse von Stiftungen für Projekte sind möglich und nicht zuletzt kann man Bildungsinitiativen unterstützen. Wenn man sich an die entsprechenden Auflagen hält, sind Spenden steuerlich abzugsfähig.

Im deutschen historischen Establishment wird nach der Meinung der Mitglieder des 1992 gegründeten VEREINS FÜR GESCHICHTE DES WELTSYSTEMS Universalgeschichte sträflich vernachlässigt. Sieht man einmal von Imperialismus - worauf Helmut Bley verwiesen hat1) - und Nationalsozialismus- Forschung ab (also Themenbereichen, die doch immer wieder mit deutscher Geschichte zu tun haben), beschäftigen sich die meisten Berufshistoriker mit National oder Regional-Geschichte - überwiegend deutscher, aber auch französischer, amerikanischer oder osteuropäischer. Zwar gibt es einige wissenschaftliche Institute und Lehrstühle, an denen afrikanische und indische, osmanische oder chinesische Kultur und Geschichte gelehrt wird2), und in diesen ist die Phase der bloßen Expansionsgeschichte, in der man sich weithin mit der Erarbeitung deutscher Akten qualifizieren konnte vorbei - m.a.W. es wird niemand mehr als Fachfrau oder Fachmann anerkannt, der nicht areaspezifische Sprachen und Schriften beherrscht. Auch der Bereich der AREA-STUDIES ist in Deutschland jedoch weniger etabliert als im angelsächsischen Bereich. Und vor allem : UNIVERSAL- oder GLOBALGESCHICHTE3) ist kaum durch Lehrstühle im Hochschulsystem verankert.

Universalgeschichte ist auch im deutschen Schulsystem nicht repräsentiert, da in den Curricula zwar außerdeutsche Themen auftauchen, aber kein eigener Kurs zur Weltgeschichte vorkommt, wie das in den amerikanischen High-Schools (und auch in den russischen, notabene) der Fall ist. Jeder Geschichtslehrer darf glauben, daß er Universalgeschichte, wie sie im Lehrplan vorkommt, lehren kann, auch wenn er vielleicht seine Pro- und Hauptseminare in Mittelalter und Neuzeit alle in deutscher oder Regional-Geschichte absolviert hat. Universalgeschichte ist auch an deutschen Universitäten kein eigenes Angebot, von einigen Ausnahmen abgesehen.

Zu den (nach meinem Wissen wenigen) Ausnahmen gehört das Historische Seminar der Universität Hannover. Das ist vermutlich dem Zufall zu danken, daß in der Gründungsphase der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer in Hannover in den späten sechziger Jahren einerseits in Soziologie und Politikwissenschaft Vertreter der 68er Bewegung beträchtlichen Einfluß erlangten, andererseits im Fach Geschichte linke Altliberale, die damals oft der Brandt-SPD nahestanden, wie mein Lehrer Joachim Leuschner und ich, eine Nische fanden, die sie in der Berufungspolitik nutzen konnten. Außerdem gelang es - nach vergeblichen Versuchen, auf die Prüfungsverordnung für das Höhere Lehramt Einfluß zu nehmen, einen neuen Magisterstudiengang durchzusetzen, der nicht nur einen institutionalisierten Praxisbezug vorschreibt, sondern auch, daß der Student außerdeutsche Geschichte studiert haben muß. Damit wurde eine Abweichung von dem etablierten Dreierschema (Alte, Mittelalterliche, Neue Geschichte) erreicht, die allerdings bis heute immer wieder den Anfeindungen der älteren Seminare Niedersachsens ausgesetzt ist, z.B. indem der Entwurf zu einer Magisterordnung des Landes auch für Hannover die klassische Dreigliederuung vorschreiben will.

Hochschuldidaktisch markantester Ausdruck der Bedeutung der Universalgeschichte in Hannover ist die Vorlesung zur Weltgeschichte, die an der Universität Hannover regelmäßig so angeboten wird, daß jeder Student im Verlauf seines Studiums alle fünf Teile von der Antike bis zur Gegenwart gehört haben kann. So weit mir bekannt ist, ist diese akademische Veranstaltung einmalig in Deutschland. In Hannover wird diese Vorlesung kooperativ von vielen Kolleginnen und Kollegen durchgeführt - so, daß jeder aus Bereichen berichtet, die er vertreten kann. Trotzdem bleiben Lücken; aber es wird doch von der Antike bis zur Gegenwart und von Indien bis zu den USA ein Überblick geboten, der den Anspruch erhebt, Weltgeschichte für die Hörer verständlich zu machen. Unter dem Titel "Die Eine Welt" biete ich eine allgemeinverständliche Einführung dazu an4).

Begonnen haben dieses akademische Unternehmen Adelheid von Saldern, Helmut Bley und ich im Sommersemester 1979 unter dem Titel KOOPERATIVE VORLESUNG : WELTGESCHICHTE IM 2o. JAHRHUNDERT. DIE AUSFORMUNG DES INTERNATIONALEN SYSTEMS 1917 - 1957. Genug Studenten fanden den Versuch ergiebig, und vom nächsten Semester an machten auch andere Kolleginnen und Kollegen mit, insbesondere Herbert Obenaus, Carl-Hans Hauptmeyer und Irmgard Wilharm. Später kamen Claus Füllberg-Stolberg, Volker Wünderich und Franz-Josef Brüggemeier hinzu. Ein wichtiger Schritt lag darin, daß der Althistoriker Horst Callies und der Mediävist Dieter Berg sich bereit fanden, in einem Semester eine Übersicht der Geschichte vor der Frühen Neuzeit anzubieten. So oft als möglich wurden und werden Gäste von außerhalb des Seminars eingeladen, Vorlesungen zu übernehmen - Wolfgang Müller trug über Japan vor, Wolfgang Kreutzberger über den Nationalsozialismus, Klaus Meschkat über Lateinamerika, Wolfgang Eckart über die Entwicklung der Medizin und die Grenzen der biologischen Wissenschaften. Wegen seiner persönlichen Kenntnisse war Erich Wulff's Vorlesung über Vietnam immer ganz besonders spannend. Wir selbst gingen an die Grenzen unserer Fachkenntnisse - z.B. berichtete Helmut Bley über China und ich trug - obgleich kein Fachmann und keiner Landesprache mächtig - über Indien vor, was übrigens von den Studenten nicht nur wegen der engagierten Vorstellung Gandhis gut aufgenommen wurde.

Von Anfang an schien uns der Systembegriff gut benutzbar zu sein, um sowohl (aus der Perspektive der klassischen Nationalgeschichte) endogene wie exogene Prozesse fassen zu können und für sie ein Modell des Zusammenwirkens anzubieten. Außerdem bildete das Konzept des Internationalen Systems eine Art Leitfaden für die Zuhörer. Keiner von uns war der Auffassung, daß es eherne Gesetze der Geschichte gebe und das Verhältnis von Mikro- zu Makro- Geschichte schien uns allen sowohl wichtig wie auch schwierig. In diesem, weltgeschichtlichen Fragestellungen nicht grundsätzlich fernen Klima konnte Immanuel Wallerstein 1979 seinen vielleicht ersten Vortrag an einem Historischen Seminar einer deutschen Universität halten und wurde - auch durch Interessen aus Soziologie, Politischer Wissenschaft und Religionswissenschaft bestärkt - viel über die Integration theoretischer und historischer Forschung nachgedacht sowie diskutiert. Im Wintersemester 1977 hatten Helmut Bley und ich einen ARBEITSKREIS METROPOLE UND PERIPHERIE gegründet, in dessen Rahmen noch heute vierzehntägig Arbeitsergebnisse vorgestellt und Positionen bestritten werden, auch wenn das Schwergewicht auf der Peripherie, das sich durchsetzte, diejenigen auf Dauer doch eher fernhielt, die an Entwicklungen der Halbperipherie - wie der UdSSR - arbeiteten.

Freilich gingen alle Kolleginnen und Kollegen in den achtziger Jahren auch in Hannover daran, die jeweiligen Spezialgebiete auszubauen. Das mochte Sozialgeschichte sein oder Geschichte der Geschlechterbeziehungen (wir waren in Hannover stets stolz darauf, daß wir den höchsten weiblichen Anteil unter den Dozentinnen und Dozenten haben und daß z.Zt. alle Assistentenstellen mit Frauen besetzt sind - nicht, weil das stets so sein sollte, aber durchaus, weil es eben auch einmal "so sein können" muß). Bei den akademischen Karrieren waren die einen erfolgreicher als die anderen, naheliegenderweise. Die die einen zogen also viele Drittmittel, Forschungsprojekte und schließlich Assistentinnenstellen an Land, während dies andern (z.B. mir im Bereich der Osteuropäischen Geschichte) nicht oder nur viel eingeschränkter gelang. Da man im Fach nur mit Detailstudien reussieren kann. traten AREASTUDIES an die Stelle der Bemühungen, den Gesamtzusammenhang zu erklären - fraglos eine notwendige Spezialisierung, die einige eindrucksvolle wissenschaftliche Erfolge ermöglichte.

In der deutschen Geschichtswissenschaft hat die DEPENDENCIA-THEORIE, die selbstverständlich im Hintergrund des Interesses an Globalgeschichte in den siebziger Jahre in der Soziologie und Politologie stand, außerhalb Hannovers wohl kaum eine Rolle gespielt. Als die Depencia-Theorie auch in Soziologie und Politikwissenschaft weithin als Paradigma verschwand, gab es für die globalgeschichtlichen Versuche erst recht keinen feedback - weder aus der Zunft, noch von Nachbarfächern. Von außen kam immer nur wieder der Hinweis, daß "richtige", anerkennenswerte Wissenschaft Details kläre, anhand der Akten. Die kritische Geschichtsschreibung im Deutschland der achtziger Jahre wandte sich dann auch dem Einzelnen zu - dem Alltag oder der Provinz. In derselben Periode wurde die Weltsystem-theorie in der englischsprachigen Linken weiter diskutiert. Immanuel Wallerstein, in mancher Hinsicht der Gründer der Fragestellung, publizierte weiter5), und vielfältige Arbeiten wurden in englischer Sprache veröffentlicht - etwa zu Aufstieg und Abstieg eizelner Staaten im System6), zu Entwicklungen der Halbperipherie7) oder zum Außenhandels-kontext des Systems in der Frühen Neuzeit8).

Wer versuchte, an der Weltsystemdiskussion teilzunehmen und eigene Positionen einzubringen, wie der Autor9) oder der Geograph Hans-Jürgen Nitz10), tat das in englischer Sprache und versuchte außerdem, mit Publikationen in deutscher Sprache seine Kompetenz in "seinen" Area-studies aufrecht zu erhalten. Dieser Spagat war schwierig und ist vielleicht insofern mißlungen, als die Bemühungen insgesamt wenig gewirkt haben. Meine erwähnte allgemeinverständliche Einführung in deutscher Sprache "Die Eine Welt" wurde ganz ordentlich verkauft und sogar zum zweiten Mal aufgelegt, hat die Zunft aber nicht beeinflußt. Z. B. wurden in der Diskussion um den Beitrag der Peripherie zur industriellen Revolution meine Hinweise auf mentalitätsgeschichtliche Kontexte wie mangelndes Vertrauen in Papiergeld (was die Abhängigkeit jeder Handelsausweitung von der Verfügung über Edelmetall erhöhte) sowie Vorteile aus Migrationen gegenüber der quantifizierenden Argumentation für endogene Entstehung der Industriellen Revolution nicht zur Kenntnis genommen11). Irgendeine Form der Institutionalisierung der Weltsystemforschung gelang nicht, doch belegten Übersetzungen von Aufsätzen ins Russische und Polnische, Tschechische und Spanische ein internationales Interesse.

Es stellte sich die Frage, ob das Konzept, for better or worse, in Deutschland abgeschrieben werden sollte. Um die Frage nüchtern genug zu stellen, war in meinem Fall die persönliche Einsicht notwendig, daß ich nicht auf einen C-4 Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte berufen werden würde, sondern froh sein mußte, in Hannover eine C 2 Professur erhalten zu haben. Die vielen Kolleginnen und Kollegen, die überhaupt keine Dauer- geschweige denn eine Lebenszeitstelle erlangen konnten, werden das Argument mit guten Gründen für eitel halten; es macht aber deutlich, daß das Fach nach wie vor in den Einzeldisziplinen organisiert ist, daß in den Einzeldisziplinen über Stellen entschieden wird. Es kommt hinzu, daß Area-Studies befriedigender sein können, als Universalgeschichte, weil die Arbeit des Historikers näher an den Quellen bleiben kann und man nicht ganz so unmittelbar der Kritik der Detailisten ausgesetzt ist (die es ja immer besser wissen, als der Generalist).

Die Alternative am Anfang der neunziger Jahre bestand, so schien es, darin, entweder zu nicht universitären Mitteln der Institutionalisierung zu greifen oder die Weltsystemtheorie für die deutsche historische Sozialwissenschaft als sozusagen pränatal gescheitertes Paradigma anzusehen. Es schien mir richtig, den ersten Weg zu gehen, obgleich mir durchaus deutlich war, wie mühsam es werden mußte, gegen den Mainstream des Faches zu argumentieren. Einladungen zu internationalen Konferenzen und Projekten - zuletzt zu der Tagung Forum 2ooo in Prag, zu der Vaclav Havel und Elie Wiesel organisiert haben12), bestätigten mich jedoch in der Einschätzung, daß die Geringschätzung der Weltsystemtheorie im deutschen Wissenschaftsestablishment wirklich ein deutsches Spezifikum sei. Von daher schien und scheint es vertretbar, die Vertretung des neuen Paradigma in einem Verein zu organisieren.

Von den sieben Personen, die zur Vereinsgründung am 21. Juni 1992 nach deutschem Recht nötig waren und auch erschienen, gehörten meine Frau, Studienrätin Dr. Christiane, mein Sohn Christian und ich zur Familie Nolte; außerdem beteiligten sich Prof. Dr. Claus Füllberg Stolberg, Oberschulrat Dr. Wilhelm Wortmann, Wissenschaftliche Mitarbeiter Dr. Klaus-Dieter Müller und Studienrat Wolfgang Vetter. Achtes Mitglied wurde Prof. Dr. Carl-Heinz Hauptmeyer. 1994 wurde uns die Gemeinnützigkeit zuerkannt. Anfang 1998 hat der Verein 35 Mitglieder zwischen Chicago und Wien, Luxemburg und Berlin, auch wenn ein Schwerpunkt der Mitgliedschaft im niedersächsischen Raum bestehen geblieben ist. Jedenfalls gibt es in Hannover ein akademisches Publikum, das generalisierende Erklärungsversuche zur Geschichte nicht gleich von vornherein mit dem Instrument (regelmäßig auffindbarer) Einwände zu Details "abschießt". Dieses Klima blieb auch bestehen, als immer mehr Energie in Spezialisierungen gesteckt wurde und bildet den Hintergrund der Vereinsgründung. Trotzdem schien diese nötig, um die Frage nach den Zusammenhängen und den räumlich organisierte Hierarchien zu institutionalisieren. Vor allem geht es darum, junge Wissenschaftler zu ermutigen, aber auch darum Diskussionszusammenhänge zu pflegen - zu Osteuropa, zu Afrika, etc.

Den Vorsitz hatte kontinuierlich ich inne, Stellvertretende Vorsitzende sind z.Zt. Dr. Wilhelm Wortmann und Udo Obal MA, Kassenwart ist Studienrat Dr. Gerhard Schmidt. Der Haushalt des Vereins, der ausschließlich aus Spenden finanziert wird, betrug 1996 3.559.- DM. Wir haben in jenem Jahr (um den Tätigkeitsbericht zu zitieren) drei öffentlich Vorträge organisiert (Ljuba Abramowitsch über jüdischen Widerstand gegen den Genozid, Prof. Benjamin Melzer über Chassidismus und Dr.Matthias Middel über Universalgeschichts-schreibung) sowie zwei Kleintagungen (Über endogene und exogene Faktoren in der Geschichte - Voträge von Ellen Baumann/Hamburg; Michael Kampmeyer/Gehrden und Angelika Kroker/Hannover) sowie "Afrikanische Strategieen" (Vorträge von Dr. Gesine Krüger, Frank Schubert und Thorsten Meier, alle Hannover). Im Jahr 1997 trug Dr. Oleg Buchovec/Moskau über das Bild der Juden im ethnischen Bewußtsein der Belorussen vor, Dr. Adekoye /Nigerien berichtete über die traditionelle Therapie des Ifá, Prof. Dr. Hartmut Elsenhans/Leipzig über das Thema "Kein Ende der großen Theorie" und Rabbi Albert Friedländer/London sprach über den Beitrag der jüdischen Literatur zur deutschen - von Heine bis Celan. Auf einer Kleintagung wird das neue russische Konzept von Rußland als eigenem System diskutiert (die Autoren Dr. A. Fursov und J. Pivovarov, beide Moskau, haben 1995 im Verein vorgetragen). Zu einer von Prof. Suraya Faroqhi/München und mir organisierten, von der DFG geförderten wissenschaftlichen Tagung über Vergleich und Beziehungen zwischen dem Russischen und dem Osmanischen Imperium in der Frühen Neuzeit konnte der Verein einen Zuschuß bewilligen.

Neben Vorträgen und Kleintagungen bildet der Rundbrief einen wichtigen Teil der Vereinsarbeit. Seit dem 1. vom 2o Januar 1994 sind weitere 29 dieser Mitteilungen an Mitglieder und einen stets wechselnden Kreis von Interessenten versandt worden, meist mit Hinweisen auf Termine (nicht nur des Vereins) und bibliographischen Notizen zu mir vorliegender Literatur (Publikationen zum Globalisierungszusammenhang und Publikationen der Mitglieder, auch wenn sie nicht diesen Zusammenhang betrafen) sowie einigen Rezensionen. Mehrfach sind inzwischen auch umfangreichere Rundbriefe erschienen, die mehrere Aufsätze vereinten oder auch eine Quellenpublikation wie Kurapaty (Aleg Vil'gel'mavic Iou und andere; Kurapaty. Ausgrabung eines Gräberfeldes aus dem Stalinismus, Übers. Harald Pinl = Rundbrief Nr. 21, Anlage 1, erhältlich für einen Unkostenbeitrag von DM 10.- in Briefmarken bei VGWS, Bullerbachstr. 12, 3o89o Barsinghausen). Dieser Text liegt so quer zu den intellektuellen Fronten, daß sich für die fertige Übersetzung kein einflußreicherer Platz finden ließ.

Uns scheint, daß in einer Periode, in welcher nicht nur andauernd über Globalisierung gesprochen wird, sondern auch die realen Interdependenzen zwischen den Großregionen der Welt ansteigen, man nicht leichthin ein Konzept aufgeben sollte, mit dem seit über 2o Jahren zu entsprechenden Fragen geforscht und diskutiert worden ist. Immanuel Wallerstein hat mit seinen jüngsten Publikationen geistesgeschichtliche, insbesonder wissenschaftsgeschichtliche Globalzusammenhänge betont13) und hat seine anfangs stark außenhandelsgeschichtlich argumentierenden Ansatz damit ergänzt und erweitert. Er hat damit auch einer Kritik entsprochen, die ich 1982 in der Zeitschrift des Fernand Braudel Instituts REVIEW in Binghamton - an dem Wallerstein lehrt, wenn er nicht in der Maison des Sciences del Homme in Paris schreibt - vorgetragen hatte14). Das Konzept hat durch Wallerstein selbst, durch Diskussionen, durch die Beiträge anderer und weitere Forschungen inzwischen eine beträchtliche Breite und Tiefe gewonnen, selbstverständlich auch durch die Rezeption anderer Soziologen wie Norbert Elias und Peter Gleichmann. Geistesgeschichtliche Arbeiten z.B. gehören heute selbstverständlich dazu, so vielleicht mein Versuch, "Überforderung und Pathos" als Merkmal halbperipherer intellektueller Lagen zu bestimmen15). Aber auch die vergleichende Analyse der Hierarchie von in "Raum/Zeit"16) angeordneten Raumen ist, verfeinert worden - wie ich hoffe, auch durch die von mir herausgegebenen Arbeiten zu "Inneren Peripherien"17), mit denen eine Gruppe von Forschern aus mehreren Fächern und mehreren Ländern versucht hat, die Diskussion über ´das Verhältnis zwischen Mikro- und Makro-Analyse fortzuführen. Hier schlagen auch die Beiträge Hans-Peter Waldhoffs zu Buche, der über intellektuelle Konfigurationen des "innen" und "außen" gearbeitet hat18).

Daß Wallerstein 1974 die Internationalisierung der Arbeitsteilung als eine der Leitfragen nach der Herkunft der Gegenwart eingeschätzt hat, ist heute so aktuell, daß man den Sinn der Frage vielleicht nicht mehr herausarbeiten muß. Die Wichtigkeit der Frage danach, welche Denkformen sich aus den Lagen im Weltsystem erklären lassen, und welche aus nationalen Kontinuitäten19), muß angesichts zunehmend kleiner geschnittener regionaler oder nationaler Identitäten vielleicht auch nicht näher begründet werden. Das Wechselspiel von Globalisierung und neuer Nationalisierung (oder Regionalisierung) ist jedenfalls nicht mit statischen Modellen zu erklären, sondern eher mit Modellen, in welchen die Fragen nach Konjunktur und langer Dauer, nach regionaler Hierarchie und zeitlicher Abfolge, nach Kompetenzakkumulation und Expansion als wissenschaftliche Fragen mit einem entsprechenden Bündel von Indikatoren, Einwänden und Versicherungen etabliert sind. An anderer Stelle habe ich vorgeschlagen, die Wissenschaftsform der Weltsystemtheorie "nichtlineare Forschung" zu nennen20). Darin scheint mir ein Kern zu liegen. Wir wissen relativ wenig, aber was wir wissen oder zu lernen hoffen sollten wir in einem Netz zu verbinden suchen, das die Grenzen zwischen Perioden und Disziplinen kennt und achtet, aber überschreitet - nicht in der Annahme, daß man alles über einen Kamm scheren kann, sondern ohne Scheu vor den vielen Köpfen, deren Haare sich dem Kamm entziehen - und auch jenen Glatzen, für welche ein Kamm sinnlos wäre oder gar parodistischen Charakter hätte.

NACHWEISE

1) Helmut Bley: Die Geschichte der europäischen Expansion: ein Überblick über die deutsch-sprachige Forschung seit dem 2. Weltkrieg, in: Hans-Heinrich Nolte Hg.: Weltsystem und Geschichte, Göttingen 1985 (Musterschmidt-Verlag), S. 94-139, 184-195.

2) Vgl. die Serie "Institutsportraits" in der Zeitschrift PERIPLUS sowie für die Osteuropaforschung Erwin Oberländer Hg.: Geschichte Osteuropas. Zur Entwicklung einer historischen Disziplin in Deutschland, Österreich und der Schweiz 1945-199o, Stuttgart 1992 (Steiner-Verlag).

3) Charles Bright, Michael Geyer : Globalgeschichte und die Einheit der Welt im 2o. Jahrhundert, dt. in der Zeitschrift COMPARATIV Heft 5 (1994) S. 13-45.

4) Hans-Heinrich Nolte: Die Eine Welt. Abriß der Geschichte des internationalen Systems, Hannover 1982, 2. 1993 (Fackelträger-Verlag).

5) Immanuel Wallerstein: The Modern World System, Vol.1 New York 1974; Vol. 2 ebda. 198o, Vol 3 ebda. 1989 (Academic Press). Bd. 1 erschien in dt. Übersetzung (Syndikat). Vgl. auch Ders.: Der historische Kapitalismus, dt. Berlin 1984 (Argument-Verlag).

6) Edward Friedman Hg.: Ascent and Decline in the World-System, Beverly-Hills 1982 (Sage).

7) Giovanni Arrighi Hg.: Semiperipheral Development. The Politics of Southern Europe in the Twentieth Century, Beverly Hills 1985 (Sage).

8) James D. Tracy Hg.: The Rise of the Merchant Empires, Cambridge 199o ; Ders. Hg.: The Political Economy of the Merchant Empires, Cambridge 1991 (Cambridge University Press).

9) Zuletzt Hans-Heinrich Nolte: Pleading for a Set of Indicators and Nonlinear Research: The European System in the Middle Ages, in Miroslav Hroch, Luda Klusakova Hg.: Criteria and Indicators of Backwardness, Prag 1966 (Variant Editors, Charles University).

10) Hans-Jürgen Nitz Hg.: The Early Modern World-System in Geographical Perspective, Stuttgart 1993 (Steiner).

11) Vgl. Nolte wie Anm.4, 2.Aufl. S. 85-90.

12) Bericht in Rundbrief Nr. 25 des Vereins für Geschichte des Weltsystems vom 3o. September 1997 S. 2-4.

13) Immanuel Wallerstein: Die Sozialwissenschaften "kaputtdenken". Die Grenzen der Paradigmen des 19. Jahrhunderts, dt. Weinheim 1995.

14) Hans-Heinrich Nolte: Eastern Europe in the Early Modern World System, in REVIEW (of the Fernand Braudel-Center) 6/1 (1982) p. 25-84. Dieser Aufsatz wurde an mehreren Orten der Welt gelesen. Anhand der deutschen Urfassung : Zur Stellung Osteuropas im internationalen System der Frühen Neuzeit. Außenhandel und Sozialgeschichte bei der Bestimmung der Regionen, in JAHRBÜCHER FÜR GESCHICHTE OSTEUROPAS 28 (198o) S.161-197 lernte ich, daß einige deutsche linke Sozialwissenschaftler, welche damals Theorien über Osteuropa verfaßten, diese einschlägige Fachzeitschrift nicht zur Kenntnis nahmen.

15) Hans-Heinrich Nolte: Überforderung und Pathos. Ein Aufriß zur politischen Kultur halbperipherer Länder, in : Hans-Peter Waldhoff, Dursun Tan, Elcin Kürsat-Ahlers Hg.: Brücken zwischen Zivilisationen, Frankfurt 1997 (IKO-Verlag) S. 63-82.

16) Vgl. Wallerstein Sozialwissenschaften (wie Anm. 13) S. 164-18o.

17) Hans-Heinrich Nolte Hg.: Internal Peripheries in European History, Göttingen 1991 (Musterschmidt-Verlag) ; Ders. Hg.: Europäische Innere Peripherien im 20. Jahrhundert, Stuttgart 1997 (Steiner-Verlag).

18) Hans-Peter Waldhoff: Fremde und Zivilisierung, Frankfurt 1995 (Suhrkamp).

19) Für den russischen Fall I.P.Smirnov: Teorija poznanija v russkoj filosofii, in A.E.Siklo Hg.: Tradicii istoriceskoj mysli, Moskva 1997 (MGU im. Lomonosova) S. 24-47; für diachron versetzte, der halbperipheren Lage entsprechende Ähnlichkeiten zwischen deutschem und russischen Denken Hans-Heinrich Nolte: Odinacestvo i pafos: vzajmodejstvie nemeckoj in russkoj kultur v 19-m veke (Einsamkeit und Pathos. Wechselwirkungen zwischen der deutschen und der russischen Kultur im 19. Jahrhundert) in Russkij Filologiceskij Vestnik Tom 82, Moskva 1997, S. 76-86.

20) Hans-Heinrich Nolte: Comparing Internal Peripheries: A Plea for Non-linear Research, in : Bouda Etemad, Jean Batou, Thomas David Hg.: Towards an international economic and social history, Essays in honour of Paul Bairoch, Genf 1995 (Editions Passé Present) S. 75-84.